Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- Ein deutscher Gelehrter über das jüdische Volk
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 363 - 364 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583876-2583882-2608776--00461-2608857- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
363 Israel Abrabamsohn: Ein deutscher Gelehrter über das jüdische Volk. 364 Seitdem die Juden bis dahin vorgedrungen sind, wo Osten Westen und Westen Osten ist, seitdem sie die ostsibirischen Städte und die pacifiscbe Küste Nordamerikas, die Inselwelt des grossen Ozeans und den australischen Kontinent bevölkern, haben sie den ganzen Erdball umkreist und können nicht gut weiter vordringen. Wirth verkennt nicht, dass in diesem über den Erdball zerstreuten Israel eine Spaltung eintritt, die zur Scheidung zu führen droht. Er sieht ein Aufgeben ureigenster Kraft darin, dass die im geographischen wie im übertragenen Sinne, westlichen Juden die hebräische Sprache völlig aufgeben und sich damit den Weg zu den Quellen der Verjüngung verlegen, sich ein Sonderverständigungsmittel verscherzen. In dieser Beziehung stellt Wirth den Juden die Zigeuner voran, die überall als Volkssprache ihr Pandschab behalten haben. Ein Einigungsmittel erblickt Wirth im Zionismus. III. Die bisherigen Erfolge der Juden sind mit den Erfolgen ihrer Wirthsvölker verknüpft. Die Wahrheit dieses Ausspruches von Wirth lehren die Beispiele von Vergangenheit und Gegenwart. Derartige Erfolge, meint Wirth, sind ein Zeichen grosser Anpassungstüchtigkeit, aber auch grosser Abhängigkeit von fremder Kraft. Es ist ein Unglück für die Juden wie für die nichtjüdischen Völker, in deren Mitte sie leben, dass Israel keinen Heimatboden, kein eigenes Staatswesen hat. Dem Nichtjuden ist, wie Wirth zugesteht, nur der Jude ein willkommener Volksgenosse, der sein jüdisches Volkstum ganz aufgiebt, d. h. der jüdische Renegat. Dass die Juden, die ihi Volkstum inmitten der Wirthsvölker erhalten und stärken wollen, dies im bewussten oder unbewussten Kampfe gegen die umwohnenden Nachbarn thun müssen, dünkt Wirth ein tragisches Geschick für beide Teile. Symptome der Bestrebungen der Juden, aus dieser Scylla und Charybdis zu entkommen, sind, wie Wirth hervorhebt, die Kolonisation Argentiniens und Palästinas, sowie der Zionismus. Ueber die Kolonisation Argentiniens giebt Wirth kein Urteil ab, da die Nachrichten über die dort herrschende Situation zu widerspruchsvoll seien. An die Schaffung eines Nationalstaates durch den Zionismus glaubt er nicht. Indessen deucht ihm der Zionismus, der insofern seine Lebenskraft zeige, als die Zahl seiner Anhänger und Ortsgruppen beständig wachse, .... eine Bewegung, die das Judentum der ganzen Erde zu gemeinsamen Gesichtspunkten und zu gemeinsamem Handeln aufstacheln wolle, auch als bloss kulturelle Erscheinung merkwürdig genug und in den Folgen unabsehbar. Dass Prof. Wirth sich insofern über den Zionismus falsch unterrichtet zeigt, als er ihn den „Glaubensbünden", dem Panislamismus und Panbuddhismus anreiht, ist um so leichter zu entschuldigen, als es ja genug Juden giebt, die über und gegen den Zionismus reden, ohne ihn zu kennen. Mit dem Geschwätz solcher Leute .hat das ernstgemeinte Referat des deutschen Gelehrten natürlich nicht das geringste gemein; indessen dürfte sein Irrtum durch falsche jüdische Information herbeigeführt sein. Wenn Prof. Wirth schliesst, dass auch ein rein kultureller, auch ein religiöser Gedanke nur Erfolg haben kann, wenn er von realer, von staatlicher Macht getragen wird, so erlaube ich mir, dem in aller Bescheidenheit zu widersprechen. Ich will mich natürlich nicht mit einem so berühmten Gelehrten in eine Kontroverse darüber einlassen, ob die jüdische Zukunftssehnsucht Aussicht auf Erfolg hat oder nicht. Mit Worten lässt sich trefflich streiten, wem aber die Thatsachen Recht geben werden, kann sich doch erst in Jahrhunderten offenbaren. Aber auch, wenn das, was ein anderer deutscher Gelehrter in einem in der „Zukunft" erschienenen Aufsatze, dessen Titel mir entfallen ist, sagt, richtig ist, dass die Juden nach Palästina gelangen werden, um dort zu sterben, so ist der Tod in der Heimat doch besser als das Leben in der Fremde. Ich halte es mit dem Satze Hegels, dass alles, was geschieht, vernünftig ist. Dass der Zionismus mit elementarer Kraft in allen Ländern der Erde hervorgebrochen ist, und auch da, wo die Juden vom Antisemitismus nicht oder wenig zu leiden haben, ist ein Zeichen dafür, dass die Bewegung nicht nur kulturell merkwürdig, sondern auch vernünftig genug ist.