Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- Ein deutscher Gelehrter über das jüdische Volk
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 361 - 362 (sequence 1)
- Language
- German
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361 362 EIN DEUTSCHER GELEHRTER UEBER DAS JUEDISCHE VOLK. Von Israel Abrahamsohn. Unter dem Titel: „Volkstum und Weltmacht" ist im Verlage von F. ßruckmann in München ein hervorragendes Werk aus der Feder von Prof. Albrecht Wirth erschienen. Die wissenschaftliche Bedeutung dieses Buches darzulegen, fühle ich mich nicht berufen, und dafür ist diese Zeitschrift auch nicht der geeignete Ort. Es sei mir nur gestattet darauf hinzuweisen, dass Prof. Wirth bei seinen Wanderungen durch die Weltgeschichte und bei seinen Ausblicken in die Zukunft auch beim jüdischen Volke verweilt und seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftssehnsucht Beachtung schenkt. I. Es kann Prof. Wirth, der selbst Arier ist,nicht übelgenommen werden, wenn er die Arier für die begabteste Rasse der Erde erklärt. Die Arier seien von schrankenlosem Reichtum der Anlagen; sie glichen dem sorglosen Siegfried, der heute als russiger Schmied den Hammer schwingt, morgen ein Königreich erobert und übermorgen das Königreich wieder verschenkt, gewiss, sobald er nur will, ein anderes dafür zu gewinnen. Die semitischen Völker zeigten starren Willen und eigensüchtige Leidenschaft. Ihr Geist sei begabt, die Welt verstandesgemäss zu durchdringen und poetisch und religiös wiederzuspiegeln; dagegen seien sie den bildenden Künsten abgeneigt. Ihre Erfolge haben die Semiten nach Wirth ihrem stürmischen Temperament, mit dem sie ihre Eigenart rücksichtslos durchsetzen, und dem festen Glauben an ihre Vorrangstellung zu verdanken. Dagegen können sie es nach des Verfassers Ansicht nicht zu dauerhaften Staatsgebilden bringen. Die Reiche der Karthager, der Juden und der Araber haben sich nur kurzer Blüteperioden erfreut. Die Juden und die Chinesen bezeichnet Wirth als die beiden merkwürdigsten Völker der Erde. Die Juden sind ein Mischvolk und in ihrem heutigen Zustande so wenig semitisch, dass der semitische Araber ihnen überall instinktive Abneigung entgegenbringe. Die Grundlage der jüdischen Rasse sind Mongolen und Semiten. Dazu kamen im Laufe der Zeit Hellenen, Adiabener, Falascha, Berber, Chazaren, Karaiten, Indogermanen. Den mongolischen und negroiden Einschlag weisen die Züge des jüdischen Antlitzes noch heute; unter den östlichen Juden trifft man wiederum fast germanische Erscheinungen. Schon Renan hat, wie ich hier mir zu bemerken erlaube, in seinem Vortrage über das Judentum, der in Kolb's Kulturgeschichte der Menschheit, Bd. I, S. 123 ff. inhaltlich mitgeteilt ist, wie in seiner Geschichte des Volkes Israel hervorgehoben, dass das Judentum ein Asyl für die verschiedensten Volkselemente gebildet hat, die von der jüdischen Kultur angezogen und dann judaisiert wurden. Nach Wirth sind viele der heutigen Juden nicht mehr Söhne der Hebräer, wie die Byzantiner Nachkommen von Hellenen waren. Was sie zu Hebräern macht, ist ihr Gefühl. Die Thatsache, dass die Juden trotz der Nackenschläge, die sie empfangen haben, nicht untergegangen sind, erklärt Wirth aus zwei Umständen. Die Juden haben es allein von den nichtarischen Völkern verstanden, als sie mit dem begabtesten arischen Volke, den Griechen, in Berührung kamen, westlicher Art standzuhalten und sich mit ihrem Geiste zu vereinen. Ferner waren sie, als mit Gewaltaktionen seitens der Römer gegen sie vorgegangen wurde, bereits derart erstarkt, dass sie nicht mehr tot zu machen waren. Völker und Kulturen, die bereits mehrere Jahrhunderte bestanden haben, können, wie Wirth hervorhebt, wohl zerfallen; aber durch Gewalt, und sei sie noch so gross, werden sie nur zu neuem, zäherem Leben erweckt, ein Ausspruch, der, wenn man ihn auf die Gegenwart anwendet, die trostvollsten Aspekte für die Zukunft eröffnet. II. Wirth sieht die Hauptfähigkeit der Juden darin, dass sie es verstehen, die Art anderer Völker sich anzupassen, ihnen ihre Fähigkeiten abzusehen und ihre Gegner mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen. Während die Chinesen das sesshafteste Volk sind, sich erobern lassen und den Eroberer unrettbar chinesieren, sind die Juden schon vor Zerstörung ihrer nationalen Selbstständigkeit in alle Teile der alten Welt hinausgezogen, haben die Sprachen der Völker ihres Aufenthalts erlernt und sind doch Juden geblieben. Je grösser das Theater der Weltgeschichte geworden ist, desto grösseren Umfang nahmen die Grenzen der jüdischen Wanderlust. Ueberall vertieften die Juden ihr Denken, bereicherten ihre Kultur, nahmen zu an Einfluss und Erfolgen. Im Altertum war Griechisch die Muttersprache der Juden, dann wurde es das Arabische, dann das Spanische; daneben blühte stets das Hebräische. Seit die Juden in Deutschland erschienen sind, haben sie die deutsche Sprache angenommen und diese Sprache nach aller Welt propagiert. Wirth erwähnt die Notiz eines deutschen Reisenden, der in den 70er Jahren des vergangenen Säculums Südafrika besuchte und erstaunt war „Jude" und „Deutscher" als gleichbedeutenden Begriff anzusehen. Die Wanderungen der Juden wurden durch Katastrophen, die sie trafen, verstärkt, nicht hervorgerufen. Das gilt nach Wirth sowohl von der Diaspora über den römischen orbis terrarum, wie für die Ausbreitung der Juden in Rnssland, in Südafrika und Nordamerika.