Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1901)
- Article
- Die Zukunft des Orients
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 323 - 324 (sequence 2)
- Language
- German
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323 B. Ebenstein: Die Zukunft des Orients. 324 dass man eine Auswahl zu treffen bemüht ist, die nicht mehr ungeeignete Individuen, sondern missliebige Kategorien ausschliessen soll. Es ist bekannt, dass es sich dabei in allererster Linie' um Verhinderung der jüdischen.-Einwanderung , handelt, was nicht nur durch die tägliche Praxis der Einwanderungsbehörden, sondernauch in Aeusserungen hervorragender amtlicher Stellen sich dokumentiert. Trotzdem diese Haltung der Vereinigten Staaten seit vielen Jahren feststeht, geht weitaus die Mehrzahl der jüdischen Auswanderung aus dem Osten Europas noch immer dorthin, und obwohl wir annehmen können, dass durch das ablehnende Verhalten des neuen Landes der Zustrom ganz wesentlich eingedämmt worden ist, so zeigen uns nichtsdestoweniger die jährlichen Ausweise erschreckende Ziffern. Wenn man überlegt, was es heissen will, dass Jahr für Jahr zwischen 50 000 und 100 000 Juden nach einem Lande gehen, das sich in unzweideutiger "Weise seit vielen Jahren gegen diese Einwanderung ausspricht, so wird man sich sagen müssen, dass alles aufgeboten werden muss, um baldigst einen Ersatz für das bisherige Zufluchtsgebiet zu finden. Es hat wohl auch an Anstrengungen in dieser Beziehung nicht gefehlt, und die Fälle sind zahlreich, in denen eine zielbewusste Thätigkeit, oder das Aufblühen neuer Landesteile einige Tausende nach anderen Gebieten geleitet hat. Für einen ^nennenswerten Teil der jährlichen Judenwranderung, oder gar für eine Lösung der gesamten Judenwanderungsfrage kommt aber keines dieser Gebiete in Betracht. Hier kann uns nur ein neues Amerika helfen, ein Land der Zukunft, ein grosses Land, ein Land, das die Hunderttausende aufnehmen kann, ohne dass — nach menschlicher Voraussicht — zu irgend einem künftigen Zeitpunkt auch hier die Thore geschlossen werden. Es will uns scheinen, dass, wie kein anderer Teil der Erde, der Orient berufen sei, diese Rolle zu spielen, aufs neue die Heimat der Juden zu werden, die er im Altertum war. Wenn diese Länder bei der Lösung des Problems bisher so wenig zu ihrem Rechte gekommen sind, so lag das zweifellos daran, dass man über ihre Entwickelungsfähigkeit, über die Chancen, die sie einem einwandernden Elemente bieten würden, nur die allerundeutlichsten Vorstellungen hatte. Es ist aber nicht ratsam, die Umwandlung des Orients in modernem Sinne abzuwarten, um dann erst den Strom der Wanderung dorthin zu leiten; wir sollten vielmehr suchen, an dieser Umwandlung nach Kräften mitzuarbeiten — " schon deshalb, um., nicht unsern Anteil an der Entwicklung des Landes von anderen vorweggenommen zu sehen. Nun wird die Frage sein, womit die Tausende — denn nach Tausenden müsste schon in den ersten Jahren die Einwanderung zählen — im - Orient, wie er ist, ihr Brot verdienen sollen. Wir glauben aber, dass der heutige Orient Gelegenheiten m Fülle bietet, wobei wir sogar die einzelnen und lokal beschränkten ausser acht lassen wollen. Wir wollen sogar den Ausbau des Schienennetzes ausser acht lassen, von dem angenommen werden kann, dass er direkt und indirekt aul lange Jahre hinaus vielen Tausenden Unterhalt bieten würde. Wir haben vielmehr in erster Linie das umfassende Arbeitsgebiet im Auge, welches überall im Orient die primitive Arbeitsweise seiner Bewohner uns eröffnet. Ohne Vergrösserung der Produktion kann durch verbesserte Methoden bei der Gewinnung und Verarbeitung der verschiedenen Erzeugnisse Lebensmöglichkeit geschaffen Averden für eine Einwanderung grössten Stiles. Aus der Fülle der Beispiele, die hierher gehören, sei eines der wichtigsten, das der Brotgewinnung, hervorgehoben. Wir wollen dabei nicht von dem hölzernen, ungefügen Pflug sprechen, dessen Leistungsfähigkeit nur einen Bruchteil der entsprechenden Acker geräte darstellt, die in fortgeschrittenen Ländern in Gebrauch sind. Wir ziehen es vor, uns auf das eklatante Beispiel zu beschränken, welches der Kontrast zwischen primitiven und vervollkommneten Dreschmethoden darstellt. Im Westen verwenden wir dazu die intelligentesten Maschinen. Sie sind als Lokomobile gebaut und gehen mit eigener Dampfkraft von einem Orte zum anderen, an dem sie gerade gebraucht werden. Ihre Einfachheit in Bau und Handhabung ist erstaunlich. Je nach den Erfordernissen der Gegend sind besondere Vorrichtungen angebracht: für den kohlenarmen Orient liefert England Maschinen, die mit dem Stroh des zu dreschenden Getreides geheizt werden. Das Resultat der ganzen Prozedur ist fast vollkommen zu nennen. Nicht nur, dass kein Körnchen verloren geht, — die Maschine liefert sie goldrein und schon nach der Grösse sortiert, in getrennte Behälter. Wie anders ist es im Orient, der heute noch mit den technischen Hilfsmitteln prähistorischer