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Ost und West · 1901-04-01 · Heft 4 (April 1901) · p. Seite 309 - 310

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 4 (April 1901)
Article
Revue der Presse
Date
1901-04-01
Page
Seite 309 - 310 (sequence 1)
Language
German
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310 REVUE DER PRESSE. Bloch'ä Oesterreichische Wochenschrift berichtet aus London: In der letzten Sitzung des Board of Guardians in London teilte der Vorsitzende mit, dass der englische Premierminister Lord Salisbury mit den Bestrebungen, den rumänischen Juden zu der ihnen von allen Staaten garantierten, leider jedoch nicht gesicherten Gleichberechtigung zu verhelfen, lebhaft sympathisiere. Das Auswärtige Amt wolle alles thun, um diese Gleichberechtigung der Juden in Rumänien von der rumänischen Regierung zu erzwingen. Er. Redner, sei aber nicht sanguinisch genug, zu glauben, dass dieser. Druck unmittelbar günstige Erfolge haben könnte. Nichtsdestoweniger müsse er dringend bitten, sich jeder öffentlichen Agitation in England zu enthalten. Er könne mit voller Autorität versichern, dass die Schritte, die gegenwärtig vorbereitet werden, einen günstigen Erfolg versprechen. Die Nachricht ist jedenfalls von Bedeutung. In einer Besprechung einer Arbeit aus Petermann's Mitteilungen „Die Verbreitung der Schriftarten in Europa" (Kartographisch dargestellt und erläutert von Dr. L. Henkel) finden wir den folgenden Passus: . . . Ausser diesen kommt noch das arabische als Schrift der Muhammedan er in der Türkei und ein mongolisches bei den Kalmücken an der unteren Wolga vor, „während auch das hebräische Alphabet für Schriftzeichen noch bei den Juden in Drucken benutzt wird, deren Sprache freilich die Landessprache ist." Man kann hieraus wieder einmal ersehen, wie ausserordentlich unbekannt die thatsächlichen Verhältnisse der Juden im Osten sind. In Wirklichkeit werden hebräische Typen zum Druck alt- und neuhebräischer Druckschriften (unter letzterer Kategorie auch moderne Tageszeitungen) benutzt. Ausserdem aber zum Drucken jüdisch-deutscher und — im Orient — spaniolischer Bücher und Zeitungen. Um mit hebräischen Typen hergestellte Drucke, „deren Sprache die Landessprache ist", handelt es sich in keinem dieser Fälle. Der Jude in London. Ein neu erschienenes Buch ,.The Jew in London" giebt der Frankfurter Zeitung Veranlassung zu einer Besprechung, die in mehrfacher Beziehung unsere Beachtung verdient. Das Blatt sagt: Dieses Buch ist ein ausserordentlich wertvoller Beitrag zu unserer Kenntnis der jüdischen Bevölkerung, die sich im Ostende Londons in den letzten 10 oder 15 Jahren angesammelt hat. Die beiden Schriftsteller, denen wir diesen Band verdanken, sind ganz besonders dazu befähigt, ein Urtoil über diese Frage zu fällen. Russell kam mit guten Empfehlungen von der Universität Oxford nach der Toynbee Hall, jener Niederlassung in Whitechapcl, wo Gelehrte Fühlung mit dem Volk der Grossstadt zu gewinnen suchen. Er war dazu bestimmt, in der indischen Verwaltung eine Stelle zu übernehmen, hatte aber ein Jahr zur Verfügung, das er in Whitechapel zubrachte. Diese Zeit hat er dazu benutzt, um die Juden im Ostende Londons in ihren Wohnungen, Clubs und Versammlungen zu besuchen. Er hat von Beamten, die mit den Juden zu thun haben, Thatsachen uud Ansichten eingesammelt und sie zu einem äusserst wertvollen Essay verarbeitet. Lewis dagegen hat mehrere Jahre in der Toynbee Hall gelebt. Er ist Jude, hat seinen Universitätsgrad in Cambridge erhalten, und ist ein in orientalischen Sprachen gut bewanderter Gelehrter. Als Lehrer und Armenaufseher und als städtischer Beamter steht er mit seinen Religionsgenossen in täglicher Berührung. Sein Aufsatz ist vom jüdischen Gesichtspunkt geschrieben und kritisiert bis zu einem gewissen Grade die Arbeit Russell's, der zwar ein freundlicher Beobachter ist, aber keine besondere Sympathie für die jüdische Rasse oder Religion an den Tag legt. Die jüdische Bevölkerung im Ostende Londons beansprucht die öffentliche Aufmerksamkeit aus gesellschaftlichen sowie aus wirtschaftlichen Gründen. London hat ungefähr 110000 Juden, von denen weitaus die Mehrzahl (etwa 100 000) östlich von der City lebt. Von diesen sind etwa 60 000 im Ausland geboren und erst in den letzten 50 Jahren eingewandert. Es ist oft Klage darüber geführt worden, dass die jüdischen Einwanderer den englischen Arbeitern unbillige Konkurrenz machen, sie aus einigen Gewerben verdrängen, die Löhne herabdrücken und den Pauperismus vermehren. Die Antwort darauf war. dass die Juden im Gegenteil zur Entwickelung der Gewerbe beitragen, indem sie durch billige Arbeit dem kleinen Mann Vorteile bringen, und als nüchterne, fleissige, sowie sparsame Arbeiter ihrer neuen ITeimat nicht nur keinen Schaden, sondern geradezu Gewinn bringen. Die beiden Verfasser behandeln aber die Frage nicht nur vom wirtschaftlichen und sozialen Gesichtspunkt; auch die religiöse und nationale Seite wird in die Besprechung hineingezogen. Die Verfasser stimmen völlig überein darin, dass der wesentliche Charakterzug des modernen Judentums nicht sowohl national als religiös ist. Ob die modernen Juden als Nation fortdauern werden, hängt davon ab, ob sie ihre Religion beibehalten oder nicht. Der christliche Verfasser neigt sich zur Ansicht hin, dass die in London niedergelassenen Juden mit der Zeit ihre Eigenart verlieren und in der englischen Bevölkerung aufgehen werden. Der jüdische Verfasser hat zionistische Neigungen und ist anderer Ansicht. Sehr wertvoll ist die dem Buch beigelegte Karte, welche die grössere

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