Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- Synagogale Kunst
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 279 - 280 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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279 Binjamin Segel: Synagogale Kunst. 280 ganzen haltlos ist. Wierzbicki bietet ausser der äusseren Ansicht der Synagoge und einer Abbildung der Heiligen Lade mit dem Pult des Vorbeters genaue Reproduktionen der inneren .Ornamentik, die sehr reich und stilvoll ist, wie auch der merkwürdig gut erhaltenen Polychromie der Ostwand. Ueber den Erbauer dieser Synagoge und über die Urheber des inneren Wandschmucks weiss uns der Verfasser nichts mitzuteilen. Im Jahre 1898 sah man im Wiener Künstlerhaus eine Ausstellung von reizenden Interieurs galizischer Synagogen, die der bekannte jüdische Maler Isidor Kaufmann an Ort und Stelle angefertigt hatte. Diese Reproduktionen bilden ein gewichtiges Material, welches dem wissenschaftlichen Forscher einmal gute Dienste wird leisten können. Doch diese Arbeiten, so dankenswert sie auch sind, waren alle mehr zufällig, entsprangen einer Laune, einem vorübergehenden Wohlgefallen oder einer günstigen Gelegenheit, die ein auf benachbartem Gebiet arbeitender Fachmann nicht ungenutzt vorübergehen lässt, — aber nicht die Frucht einer systematischen, planmässig angelegten Forscherthätigkeit. Und nur eine solche könnte den überreichen, weit verstreuten und schwer zu ermittelnden Stoff bewältigen. Der auf ein solches Ziel lossteuernden Arbeit hat sich der Warschauer Gelehrte Mathias Bersohn, Mitglied der Krakauer Akademie der Wissenschaften, unterzogen, von dessen gross angelegtem Werk in polnischer Sprache: „Die alten Holzsynagogen in Polen", bis jetzt zwei Teile vorhegen. Bersohn, der sich durch seine Forschungen zur älteren Kunst- und Kulturgeschichte Polens unter den Fachmännern einen hochgeachteten Namen erworben, hat auch zur Geschichte der Juden in Polen wertvolle Beiträge geliefert. Dem vorliegenden Werke hat er einen umfassenden Plan zu Grunde gelegt. Er will alle durch Schönheit, Originalität des Stüs oder durch charakteristische Einzelheiten sich auszeichnenden alten Synagogen in Polen sowie die in ihnen aufbewahrten Erzeugnisse gewerblicher Kunstfertigkeit dem Leser nicht nur in getreuen Abbildungen vorführen, sondern vor allem Entstehungszeit, künstlerischen Wert und womöglich auch die Schöpfer derselben erforschen. Solchem Beginnen stellen sich nun schwere, beinahe unüberwindlich scheinende Hindernisse in den Weg. Man denke sich, dass in einem armseligen, verfallenen, abseits von der grossen Verkehrsstrasse liegenden Städtchen eine interessante Synagoge entdeckt wird. Weit und breit findet man keinen geschulten Architekten noch einen geschickten Zeichner, der die Pläne und die Umrisse des Gebäudes aufzunehmen im stände wäre. Von den Mächtigen der Gemeinde ist in den meisten Fällen nicht das geringste Entgegenkommen zu erwarten, da sie derartigen Bestrebungen grösstenteils gänzlich verständnislos gegenüberstehen. Ihnen ist es niemals eingefallen, dass ihre Synagoge auch „schön" sei und noch ein anderes Interesse erwecken könne, als das, zu welcher Stunde morgens und abends der Gottesdienst darin beginne; sie begreifen nicht, wozu diese fremden Menschen da mit Metermass und Zirkel oder gar mit photographischem Apparat herumschnüffeln. Sie sehen dem Treiben eher mit Misstrauen als mit Wohlwollen zu und möchten schon für alle Fälle etwas für den Gemeindesäckel dabei herausschlagen. Da könnte freilich die hebräische Presse viel zur Aufklärung der Bevölkerung thun, aber sie hat es bisher unterlassen. Kommt es nun an die Ermittelung irgend welcher historischer Daten, beginnen sogleich neue Schwierigkeiten. Die Inschriften sind verwischt oder aus Unkenntnis gar vertilgt worden. Zwar existiert in einer jeden jüdischen Gemeinde seit unvordenklichen Zeiten ein „Pinax", eine Chronik, in die alle auf das Gemeindeleben bezüglichen Ereignisse eingetragen werden; doch wenn diese Dokumentensammlung nicht beim „letzten grossen Brande" zu Grunde gegangen ist, so ist sie meist irgendwo verlegt oder befindet sich in einem argverwahrlosten Zustande, mehrere Blätter fehlen, andere sind vom Zahn der Zeit oder der Maus zerfressen und wieder andere bis zur Unleserlichkeit befleckt. Von einer organisierten Pflege historischer Denkmäler ist da nicht eine Spur vorhanden. Dabei wird der Forscher von keiner Behörde und keiner gelehrten Körperschaft unterstützt und ist ausschliesslich auf seine eigenen Kräfte und Hilfsmittel angewiesen. Da gehört denn zu einem Unternehmen, wie dem von Herrn Bersohn inaugurierten, bewunderungswürdiger Mut, eiserner Wille, engelhafte Geduld und Unverdrossenheit, und vor allem eine Opferfreudigkeit, die ihren Lohn allein in den Erfüllung einer idealen Aufgabe sieht. Von einer jeden Synagoge, die er schildert, bietet der Verfasser mehrere Aussenansichten, die das Bauwerk von allen Seiten darstellen und insgesamt ein beinahe stereoskopisches Bild davon gewähren. Dann kommen Aufrisse und Pläne, welche die Raumgliederung getreu veranschaulichen. Einzelne merkwürdige Bestandteile, wie Kapitäle, Friese, Gesimse, Balustraden und Firste, werden besonders in vergrössertem Massstabe abgebildet. Besondere Aufmerksamkeit hat der Verfasser der inneren Einrichtung, nämlich der Heiligen Lade, dem Almemor und den Fenstereinfassungen, gewidmet. Einzelne Kultusgeräte, wie Thorakronen, Handzeiger, Leuchter, Almosenbüchsen, insofern sie vom künstlerischen oder historischen Gesichtspunkt interessant sind, werden besonders dargestellt. All das wird künstlerisch gewertet und der Ursprung auf Grund eingehender archival^scher Untersuchungen beleuchtet. Da erblicken wir zunächst die Synagoge in Zabludow. einem in der Mitte des 16. Jahrhunderts gegründeten litauischen Städtchen unweit Grodno.