Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- Die Kunst in ihrer Anwendung auf die Gebräuche der Juden
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 253 - 254 (sequence 1)
- Language
- German
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253 254 DIE KUNST IN IHRER ANWENDUNG AUF DIE GEBRAEUCHE DER JUDEN. Von Prof. Dr. D. Joseph. Die Aufgabe, eine Geschichte der Kunst in deren Anwendung auf den jüdischen Kultus zu schreiben, hat schon wegen ihrer absoluten Eigenart etwas ungemein Verlockendes. Müsste sich doch der dergestalt wagemutige Kunsthistoriker auf eigene Beine stellen und alles das sammeln und beschreiben, was in künstlerischer Beziehung von oder auch für Juden geschaffen worden ist. Die wSchwierigkeit der angemessenen Behandlung dieses Themas erhellt auch daraus, dass die Quellen, aus denen man schöpfen könnte, nicht reichlich fliessen, im besondern ist auch die an sich nicht ausgedehnte Litteratur schwer zugänglich. Da hiesse es, im wesentlichen von Grund auf ein festes Gefüge emporrichten. Um die so angedeutete Aufgabe einer nur einigermassen befriedigenden Lösung entgegenzuführen, wird es nicht nur vieler Mühe bedürfen, sondern es kann auch bei dem besten Willen im Hinblick auf die Unzulänglichkeit des Materials nicht ausbleiben, dass der löbliche Versuch die untrüglichen Zeichen der Unvollständigkeit an sich tragen wird. Gar mancherlei Lücken würden entstehen, die auszufüllen späteren Forschern füglich überlassen bleiben kann. Erst sollte nur ein rechter Anfang gemacht werden, um die Sicherung einer Reihe von Resultaten zu erzielen, die gewissermässen wie Axiome in die spätere Forschung hineinragen. Mit der genetischen Betrachtungsweise müsste ein reiches Anschauungsmaterial verbunden werden, wodurch auch minder geübten und weniger gelehrten Lesern eine sach- £'emässe Beurteilung ermöglicht würde. Die landläufigen Begriffe vonKunst und Kunstgeschichte werden im allgemeinen vorauszusetzen sein, es könnten aber auch an passender Stelle die für das bessere Verständnis erforderlichen besonderen Erläuterungen eingeschaltet werden. Eine solche Darstellung würde überdies auch die Aufmerksamkeit auf die Beschäftigung mit der universellen Kunstgeschichte hinleiten und damit zu gleicher Zeit auf das allgemeine Bildungsbestreben befruchtend wirken. Hinsichtlich der Einteilung des Stoffes wird man ein wenig von den üblichen Rubriken der« gestalt abweichen müssen, dass man im wesentlichen an der Gruppierung von zwei Hauptgruppen: Architektur und Kunstgewerbe, festhält. Es sind das Gruppen, wofür Materialien aus allen Epochen vorliegen, während Plastik undMalerei vornehmlich einen Raum im Kapitel der neuzeitlichen von Juden geübten Kunst einnehmen werden. Die Architekturabteilung wird in erster Reihe den Tempel- und Synagogenbau umfassen, sodann aber auch Friedhofsanlagen, Grabdenkmäler, Schulgebäude, Rathäuser, Krankenhäuser, Altersversorgungs-Gebäude, Verwaltungsgebäude und andere Gemeindebauten, zu denen sich auch die Badehäuser rechnen. Recht instruktive Beispiele der letzteren Gattung haben sich ja selbst noch aus den Zeiten des Mittelalters auf unsere Tage gerettet. Ueber das jüdische Kunstgewerbe existiert so gut wie gar keine Litteratur, und doch muss es interessant sein, zu erfahren, was an wertvollen Utensilien zu gottesdienstlichen Handlungen in den Schatzkammern unserer Gemeinden vergraben liegt. Ich behaupte, dass gerade in diesen Zweigen jüdischer Kunstproduktion sich ganz besonders die gestaltende Eigenart unserer Stammesgenossen offenbart. Hier ist nicht nur den administrativen Organen der jüdischen Gemeinden, sondern auch Rabbinern, Predigern, Lehrern und gebildeten Kantoren ein Weg gewiesen, der Kunst im Judentum zu dienen,, sondern sich auch noch den Dank und die Anerkennung aller Kunstverständigen zu erwerben. Damit aber keine verderbliche Regellosigkeit einreisse, müsste das Ganze organisiert werden, wie ich das schon an anderer Stelle vorgeschlagen habe.*) Die Sache müsste in die leitende Hand kenntnisreicher Kunstkonservatoren gelegt werden, damit erst einmal ein vollständiges Inventar aufgestellt werde. An den erforderlichen Kräften dürfte es kaum mangeln, da ja doch schon einige Kunsthistoriker jüdischen Glaubens vorhanden sind und; wo solche nicht vorhanden, wird man auf Theologen, Literarhistoriker oder Architekten zurückgreifen, während Vorsteher und Gemeindebeamte als Pfleger [zugezogen bezw. ausgebildet werden könnten. So würde man den Besitz der verschiedensten Korporationen an kunstgewerblichen gottesdienst- *) Internationale Revue für Kunst etc.. No. 31, S. 75