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Ost und West · 1901-03-01 · Heft 3 (März 1901) · p. Seite 175 - 176

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 3 (März 1901)
Article
Moses
Date
1901-03-01
Page
Seite 175 - 176 (sequence 8)
Language
German
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175 Henry George: „Moses". 176 Lehre Mosis entsprang jene Ceistesstärke, die immerund immer wieder den dürren Stab knospen und blühen machte. Und hinausgehend über den engen Rahmen einer kleinen Rasse, hat sie ihre Gewalt ausgeübt überall, wohin der Einfluss der heiligen Schrift reichte. Der Geist der Bibel hat Throne gestürzt und Priesterherrschaft niedergeworfen. Er stärkte den schottischen Covenanter in schweren Stunden und hiess den Puritaner ausharren in Schnee und Eis eines fremden Landes. Er führte bei Naseby das Volk zum Kampfe — er stand hinter den niedrigen Schanzen "von Bunker Hill. Durch ihre Lehren, wie durch ihre Thaten helfen solche Charaktere' die Menschheit vorwärts bringen. Das Leben Mosis, ebenso wie seine Gesetze sind ein Protest gegen jene lästerliche Lehre, die heute so wie vor 3000 Jahren im Umlaufe ist, jene Lehre, die oft auch von christlichen Kanzeln verkündet wird, dass das Elend und die Leiden der Menschen ihren Ursprung haben in einer geheimnisvollen. Untbätigkeit der Vorsehung, die wir wohl beklagen, nicht aber ändern, können, und gegen die wir uns nicht auflehnen sollen. Wer dieser Ansicht ist, wer da glaubt, dass der Jammer und die Brutalität, von der gerade die Centren unserer Civilisation überfüessen, ihn nichts angehen, der nehme sich hier ein Beispiel. Für den, der da sehen will, brennt heute noch der Dornbusch, und dem, der da hören will, tönt wiederum di e Stimme: „Das Volk leidet; wer wird es .heraufführen?1* * 5j« # In die unmittelbare Familie des höchsten Monarchen und irdischen Gottes aufgenommen, an der Spitze der Klassen-Pyramide, deren Basis die arbeitenden Millionen bildeten, Priester und Prinz in einem Lande, wo Fürst und Priester schwelgen konnten in allen Genüssen, — stand ihm alles offen, was das Leben bieten konnte, die Sinne zu befriedigen oder den Geist zu beschäftigen. Was war ihm das Wehgeschrei jener, die unter sengender Sonne arbeiteten, unter der Peitsche erbarmungsloser Vögte. Bis die Klagerufe in die Säulenreihen, oder zu den kühlen Leinenzelten drangen, hatte die Entfernung sie zu eintöniger Musik gedämpft. Warum sollte er die Schicksals-Sphinx befragen, oder gegen die Ordnung streiten, die die hohen Götter bestimmten? So war es stets gewesen zu allen Zeiten, so muss es weiter bleiben. Die Wespe zerreisst den Wurm, der Vogel späht auf die Wespe — das Leben entsteht aus Tod und Zerfleischung und höhere Genüsse aus niederen Schmerzen. Soll der Mensch besser sein als die Natur? Sanft und ruhig fliesst der Nil, trotzdem unter seiner glatten Oberfläche schuppige Geschlechter grausamen Krieg führen, und die Stärkeren die Schwachen fressen. Soll der Weise, der die Geheimnisse der Sterne lesen kann, zurückweichen, wenn unter seinen Füssen ein Wurm sich krümmt? Jene hatten Ziegel zu machen ohne Stroh — sein Platz war an der Spitze der langen Prozession, die mit farbenprächtigen Bannern und glitzernden Emblemen unter dem Klang der Musik und mit feierlichen Gesängen dahin wallt, um das unvergängliche Bauwerk einzuweihen, das der Schweiss jener errichtet hatte. Warum sollte er Anstoss nehmen an der Plage des Frohndienstes — er, für den die Wagen bereitstanden, den die Nilboote trugen, wohin er wollte, mit Ruderschlägen, Zu denen Gesang den Takt abgab. Fühlte er das Bedürfnis nach Thätigkeit — da war die Wüstenjagd mit Rossen schneller als die Antilope, und mit Löwen, die wie Hunde abgerichtet. Sehnte er sich nach Ruhe und Genuss, so war da für ihn der sanfte Ton langgezogener Melodien und der anmutige Reigen der Tänzerinnen. Drängte es ihn zu dem Ernst des Geisteslebens, in den Hallen der Tempel stand ihm das Studium aller Wissenschaften offen; er hatte Zutritt zu den erlesenen Kreisen, in denen die höchsten Probleme erörtert wurden, konnte teilnehmen an dem geistigen Stolze, der Jahrhunderte später die griechische Philosophie mit dem Stammeln der Kinder verglich. Es war keine plötzliche Aufwallung der Leidenschaft, die Moses veranlasste, all' diesem den Rücken zu kehren und die Stärke und Kenntnis, die er in einer herrschenden Kaste erworben, in den lebenslänglichen Dienst der Geknechteten zu stellen. Die Selbstvergessenheit, die sich im Erschlagen des Aegypters offenbarte, strahlte durch sein ganzes Leben. In Gesetzen, die den Charakter eines Volkes bestimmten, in Gesetzen, die bis auf diesen Tag das Los der arbeitenden Millionen erleichtern, können wir die hehre Absicht erkennen. Durch alles, was die Tradition uns von seinem Leben berichtet, zieht sich die eine — gleiche — grosse Leidenschaft, das selbstlose Streben, die Menschheit besser, glücklicher, edler zu machen. Und sein Tod ist ein würdiger Abschluss dieses Lebens. Er weist von sich den natürlichen Wunsch eine Dynastie zu gründen, was in seinem Falle so leicht gewesen wäre — er verneint das Vorrecht des Geblüts und setzt an seine Führerstelle den besten Mann. Aus einem Lande kommend, wo der Begräbnisritus von erster Wichtigkeit war, und wro in der Erhaltung des Körpers nach dem Tode der Zweck des Lebens gesehen wurde, unter einem Volke, das eben damals den Leichnam seines grossen Vorfahren Joseph mitführte, um ihn zu seinen Vätern zu bestatten, — unterdrückte er den letzten natürlichen Wunsch und entzog sich den Blicken und der Sympathie der Menschen, um einsam und allein zu enden, damit nicht das götzendienerische Gefühl — stets bereit hervorzubrechen — im Tode ihm die abergläubische Ehrfurcht erweise, die er im Leben zurückgewiesen. „Kein Mensch kennt seine Grabstätte bis auf diesen Tag." Aber während die geplünderten Pharaonengräber der Eitelkeit spotten, die sie errichtete, ist der Name des Hebräers, der, von ihrer Tyrannei sich losreissend. für die Erhebung seiner Mitmenschen arbeitete und sann, noch heute ein leuchtendes Licht der Welt. Führer und Diener der Menschheit! Gesetzgeber und Wohlthäter! Arbeiter für eine Zukunft, die seinem geistigen Auge offenbar war! Typus der grossen Seelen, die zu allen Zeiten der Welt Heroen und Märtyrer gegeben, deren Thaten der kostbarste Besitz und deren Andenken das heiligste Erbe ihres Volkes sind! Von. allen Gründern grosser Reiche — mit welchem können wir ihn vergleichen? Es wäre ein Streit um Worte, über die Inspiration eines solchen Mannes zu disputieren. Aus der Tiefe des Unsichtbaren müssen solche Charaktere ihre Stärke schöpfen — nur aus der Quelle eines reinen Herzens kann ihre Weisheit stammen. Sie beweisen uns die Existenz eines Etwas, das mehr wirklich ist als die Materie, eines Etwas, das höher ist als die Sterne; eines Lichtes^ das noch leuchten wird, wenn Sonnen tot und erloschen sind--eines Endzwecks, von dem das physische Weltall nichts ist als eine vorübergehende Epoche. *) Siehe Xotiz unter Miscellen Seite 225/226.

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