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Ost und West · 1901-02-01 · Heft 2 (Februar 1901) · p. Seite 149 - 150

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 2 (Februar 1901)
Article
Zweierlei Maß
Date
1901-02-01
Page
Seite 149 - 150 (sequence 2)
Language
German
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149 Miscellcn. 150 tiefer er sich „identifiziert," desto gelungener ist sein Kunstwerk. Wer das nicht kann oder will, soll fern bleiben von solchen Darstellungen. Es ist klar genug, weshalb dem Dichter von den Männern Judas zum Vorwurf gemacht wird, was für den Sänger von Griechenliedern und den Autor von Azteken-Tragödien oder Eskimo-Balladen das schönste Lob wäre — die Identifizierung mit dem Stoffe. Aber so klar es auch ist, so muss es uns doch als eine um so merkwürdigere Geistesverwirrung erscheinen, als die biblischen Stoffe, die Helden von Juda, jedem Christen doch unvergleichlich näher liegen, als Themata aus derGeschichte — sogar seines eigenen Stammes. Es muss eben zu den unsinnigsten Schlussfolgerungen führen, wenn Jedes christlichen Kindes Geist und Gemüt — in jeder niedrigsten und höchsten Schule jedes christlichen Landes auf dem Erdenrund — gebildet, geformt, erzogen wird an den Erzählungen der biblischen Geschichte, wenn ihm kein Heldentum in so weihevollem Lichte gezeigt wird, als das des jüdischen Volkes — — und wenn ihm dann aus derselben christlichen Umgebung, ja, in denselben christlichen Schulen, die Verachtung alles Jüdischen eingeimpft wird. Und alles das, trotzdem nicht nur die jüdischen Ideen bis auf diesen Tag die Welt beherrschen, sondern auch, trotzdem man an den heutigen Juden, an ihrer hervorragenden Beteiligung an der Kulturarbeit der Neuzeit die verhältnismässige Gleichheit der alten und neuen Juden tagtäglich vor Augen sieht. Man denke doch nur an die Sympathie und thatsächliche Unterstützung, welche die Griechen zur Zeit des grossen Aufstandes in West-Europa fanden, und Haartracht der Hebräerinnen. Salomo Misrachi. Ein Rabbiner aus Daghestan. an die Begeisterung, mit der die Griechenlieder allenthalben aufgenommen wurden. Und dann ziehe man den Vergleich zwischen den Griechen von einst und denen von jetzt. Und wenn das noch nicht genügt, so überlege man doch: wie viele wussten etwas und halten etwas von griechischer Kultur im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts?--Während man damals. wie heute wohl Hunderte von Meilen reisen musste, bevor man einen fände, dem die biblischen Erzählungen unbekannt — ja, dem sie nicht in Fleisch und Blut übergegangen sind!....... * Die Geschichte der deutschen Juden von Dr. Adolph Kohut*), von deren reichem Illustrations- Material wir einiges in unserer Erzählung „Bergab*4 reproduzieren, ist ein sehr verdienstliches Werk. Es bietet neben interessanten geschichtlichen und kulturhistorischen Darstellungen eine Fülle von Dokumenten jeder Art, ein Material, das dem Leser ein sehr vollständiges Bild von Leben und Leiden der Juden in. Deutschland von den ersten Zeiten bis zur Gegenwart giebt. Besonders verweilt der Verfasser auch bei dem Anteil der deutschen Juden an der Kultur- und politischen Entwicklung Deutschlands im vergangenen Jahrhundert — ein Anteil, welcher leider nicht vielen und sicherlich nicht der Mehrheit unserer Stammesgenossen nach Gebühr bekannt ist. Auch unser Portrait G abriel Riessers. des grossen deutschen Politikers und unermüdlichen Vorkämpfers der Juden- *) Berlin 1900. Deutscher Verlag.

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