Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1901)
- Article
- Ahlem
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 131 - 132 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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131 Ahlem. 132 Konsul Simon in Hannover, trotz allen Aufgehens in der Sache, welcher er die ausserordentlichsten Opfer gebracht hat, die grossen Gesichtspunkte und denBlick für die grossen Aufgaben der Zeit sich bewahrt. In einer längeren Zuschrift, welche wir leider nicht in der Lage sind hier in extenso zu veröffentlichen, schlägt er die Einführung von Gartenbau- und Handfertigkeits-Unterricht in den jüdischen Schulen, Per grüsste und der kleinste Zögling der Anstalt. sowie eine zweckentsprechende Vorbereitung der Lehrer vor. Er erhofft davon — und mit gutem Recht — dass die bisher allzu einseitige Geistesausbildung bei den Juden ein heilsames Gegengewicht finden werde. In zu vielen Fällen wurden bisher Juden, welche das Handwerk und andere mehr körperliche Berufsarten erwählt hatten, durch ihre Ungeschicklichkeit und Unbeholfenheit bald entmutigt, und mussten so hinter ihren christlichen Kameraden, die von Jugend auf Gelegenheit zu körperlichen Hantierungen finden, zurückstehen. Dem kann nur entgegengewirkt werden, wenn in weitestgehender Weise das bisher Versäumte nachgeholt wird, wenn möglichst jede jüdische Schule Gartenbau- und Handfertigkeits-Unterricht in ihren Lehrplan aufnimmt. Die Existenz der Ahlemer Anstalt bietet eine wTillkommene Gelegenheit, diese Aufgabe — und zwar in erster Linie die Ausbildung der jüdischen Lehrkräfte — in die Wege zu leiten. Herr Konsul Simon und seine Freunde beabsichtigen — eine entsprechende Beteiligung vorausgesetzt — während der grossen Sommerferien einen einmonatlichen Kursus für Handfertigkeit und womöglich auch einen solchen für Gartenbau einzurichten, zu welchen die besten verfügbaren Instrukteure herangezogen werden sollen, und durch welche besonders auch schon im Amte befindliche jüdische Lehrer Gelegenheit finden sollen, sich in diesen Fächern auszubilden. Für die Seminaristen wird die Einführung von zwei Unterrichtsstunden wöchentlich — für die ganze Dauer ihres fünfjährigen Kursus — vorgeschlagen. Schliesslich möge noch erwähnt werden, dass der Begründer der Anstalt im besonderen auch an die jüdische Kolonisation gedacht hat. Zur Zeit der ersten grossen russischen Auswanderung vom Jahre 1882 war er in Amerika und sah dort das klägliche Scheitern der mit Erwachsenen gemachten Kolonisationsversuche. Hiervon hat er denn auch die Ueberzeugung gewonnen, wie notwendig es sei, schon in der Kindheit die Grundlage für spätere Ackerbauthätigkeit zu legen. Bei solchen Absichten ihrer Leiter gewinnt die Ahlem er Anstalt eine weit über den heutigen Rahmen des LTnternehmens hinausgehende Bedeutung, sowohl für die nächste, als auch für die fernere Zukunft der Judenheit. Möge sie zum Vorbild für ähnliche Institutionen auch in anderen Ländern werden und — damit sie das könne — möge sie die thatkräftige Unterstützung Aller finden, die sich den Anforderungen unserer Zeit nicht verschliessen wollen!