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Ost und West · 1901-02-01 · Heft 2 (Februar 1901) · p. Seite 127 - 128

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 2 (Februar 1901)
Article
Lesser Ury
Date
1901-02-01
Page
Seite 127 - 128 (sequence 8)
Language
German
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127 Martin Bub er: Lesser Ury. 128 des Volkes. In der Diaspora wird diese dichterisch nationale Revolution eingeengt und in die Bahnen eines krankhaften Messianismus abgelenkt; daneben und darüber hinaus entwickelt sich die Grundbewegung zu einem menschheitlichen Erlösungsdrange. Wir leben in dem Uebergange zu einer dritten Zeit, über deren Revolutionäres gerade der am reichsten Hoffende am schamhaftesten schweigen muss. Alle Phasen aber haben in Ury's Werken unbewussten, andeutenden Ausdruck gefunden. Und Ury ist jüdischer Künstler als der Dichter der jüdischen Seele. Abseits von allem Litterarischen, nur dem Schaffen von Farbenwerten hingegeben, hat er doch die Gedichte des Judenleides und der Judensehnsucht gemalt. Er hat die Lyrik des neuen Juden von heute gegeben, der seinem Volke zürnt, weil er es liebt. Ich erhoffe noch Morgiges von ihm. Aber heute wollen wir ihn dankbar grüssen als das, was eilst: Lesser Ury, der Meister der sonnigsten Farben, der Bewegung-Bringer, der Dichter unseres Zornes und unserer Liebe. „AH Vor mir liegt ein kleines Heftchen in tadelloser Ausstattung: Bilder aus der israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover. In acht Abbildungen, von denen wir zwei hier verkleinert reproduzieren, werden uns die Baulichkeiten der Anstalt und ihre Insassen gezeigt — Bilder, die das Interesse jedes Freundes jüdischer Bestrebungen in hohem Grade erwecken müssen. Und wenn man gar, wie vor wenigen Monaten der Schreiber dieser Zeilen selbst dort gewesen ist, wenn einen die Häuser und die Anlagen, und vor allem die Schüler und ihre Erzieher aus diesen Abbildungen heraus wie gute Bekannte grüssen, so wird der "Wunsch wohl verständlich, die Kenntnis von dem Werke, dem arbeitsfreudige und opfermutige Männer seit Jahren ihre beste Thatkraft weihen, in weitere Kreise zu tragen und dadurch der Sache neue Freunde zu gewinnen. Dem Heftchen ist eine Einleitung vorausgeschickt — wir können kaum besseres thun als dieselbe hier im wesentlichen wiederzugeben, denn es ist darin in wenigen Worten gesagt, welchen Anschauungen die Anstalt ihr Entstehen verdankt und was sie heute ist. Ausser den Bildern und dem Texte befindet sich in dem Heftchen noch eine Eintragung aus dem Besuchsbuch der Anstalt, die wir noch vor der Einleitung hierhersetzen wollen. Das Verschen ist vom 25. September 1900 datiert und hat einen guten Dichter und guten Juden zum Verfasser, der inzwischen hinübergeschlummert ist — unseren Ludwig Jacobowski. Wo immer Pflicht und Treue mir begegnen, Fühl' ich ein Ahnen reinster Menschenweihe. Hier sah ich soviel Liebe, Pflicht und Treue, Dass ich nicht Worte finde, sie zu segnen! * * * EM« „Wie einfach erscheint es uns, dass wir Brot und Butter, Kartoffeln und Kohl, Aepfel und Weintrauben, Milch und Honig auf dem Markte oder im Laden kaufen können, und wie selten denken wir, namentlich wir Stadtbewohner, darüber nach, dass diese notwendigsten Lebensmittel, diese Erzeugnisse des Garten - und Landbaues erst gesäet, gepflanzt, gepflegt, gezogen und geerntet werden mussten. Denn nicht umsonst, nicht mühelos bietet uns der Erdboden seine Schätze dar. Gilt doch das Bibelwort: „Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen", vor allem dem Landmanne, der hei jedem Wetter, ohne Schutz vor Sonne oder Regen, seine schwere Arbeit verrichten muss. Da lesen wir in der heiligen Schrift, dass unsere Erzväter Brunnen gegraben haben, um ihr Vieh tränken zu können; dass die Kundschafter, die Moses in das verheissene Land geschickt, hocherfreut von ihm erzählten, dass darin Milch und Honig fliesse; noch heute feiern wir im Schewuoth, mit dem Blumenschmuck der Synagogen, und im Sukoth, mit Lulaw und Esrog, die Festeszeiten, zu denen im Heiligen Lande alles Volk sich der Ernte freute und zugleich von seinem Erntesegen anderen eine Freude bereitete. Damals waren unsere Vorfahren Ackerbauer und Hirten. Und heute —? Man hat uns die Last des Ackerbaues, den Schweiss und die Mühsal auf dem Felde abgenommen; allerdings! aber man hat uns damit auch die Freuden des Landmanns geraubt; man hat uns losgelöst von der Mutter Erde, die jedem, der sie berührt, Körperkraft und Lebensmut schenkt! Man hat uns auf den Handel verwiesen, in die licht- und luftlosen Kramläden, wo die Muskeln erschlaffen und die Lunge eingeengt wird; man hat die Armen unter uns mit dem Hausierer-Packen beladen, der den Rücken krümmt und den Kopf darniederbeugt. Geldgeschäfte, die gefährlichen Versucher der Seele, hat man uns aufgedrungen, . um uns neben der Gesundheit des Körpers auch noch — Gott sei Dank ohne Erfolg — die Lauterkeit des Charakters zu rauben, und hinterdrein uns wegen Aeusserlichkeiten verspotten und wegen unseres Berufs beschimpfen zu dürfen.

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