Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1901)
- Article
- Lesser Ury
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 125 - 126 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Martin Huber: Lesser Urv. 12(> sZj<: Lesser Ury: Studie zu „Jerusalem". Conrad Ferdinand Meyer hat die bezeichnenden "Worte: „Du packst mit nerv'ger Hand den Bart, Doch springst Du. Moses, nicht empor". Ury will den Moment nach diesem darstellen: den Moses, der aufspringt, um dem starren, verderbten Volke, — dieser in der Sklaverei aufgewachsenen Generation, welche die Worte auf Sinai vernehmen darf, aber das Land der Erfüllung niemals erblicken soll, bestimmt, in der Wüste zu sterben — die ersten heiligsten Gesetzestafeln ,.an den Kopf zu werfen," wie Ury sagt — wie Ury mit einer Stimme sagt, in der sein Zorn und seine Liebe beben. VII. Worin ist Ury jüdischer Künstler? Zunächst in seiner Art zu malen, als Kolorist. Ich meine damit nicht blos seine Vorliebe für funkelnde, lichtberauschte Farben — Farben, die er nicht durch Stoffwahl sich zurechtlegt, die er sich vielmehr mit seinem begnadeten Auge aus der Natur herausholt —, eine Vorliebe, die man auf orientalischen Einfluss gedeutet hat. (So sagt Franz Servaes einmal von Ury's Werken: ,.Es ist immer wieder das Hallelujah der Farbe, das uns wie ein brausender Lobespsalm entgegenschwillt. Und man steht gebannt, überwältigt, trunken vor dieser alttestamentarischen Wucht der koloristischen Vision: Jehovah lebt in diesen Flammenfarben!"). Mehr als dies meine ich die Thatsache des extremen Kolorismus selbst in der Form, wie ihn Ury zeigt. Dieser Kolorismus will nicht die Umrisse der Dinge, sondern ihre Nuance geben, wie sie aus der Einwirkung von Licht und Luft entsteht. Der Ton wird auf die feine Wechselwirkung der Wesen und Kräfte, nicht auf ihr äusseres Heraustreten gelegt; doch geschieht, wie wir am, Jeremias" gesehen, das Mildern der äusseren Begrenzung (wenn man da von „mildern" sprechen kann, wo nur die Wiedergabe des natürlich Gesehenen vorliegt) nur zu Gunsten einer innerlicheren Individualisierung. Diese Art nun, die Welt zusehen, ist echt jüdisch. Man kann sich davon überzeugen, wenn man Versuche mit jüdischen und z. B. germanischem Bildgedächtnis anstellt, oder wenn man die Schilderungen in dem altjüdischen Schrifttum mit denen im altgriechischen vergleicht. Ueberall herrscht bei uns eine mehr flächenartige, von einer Gesamtstimmung ausgehende und mehr auf die Beziehungen der Dinge als auf ihre Formen gerichtete Anschauungsweise vor. Mit dieser Auffassung wird selbstverständlich die Möglichkeit einer jüdischen Plastik nicht in Frage gestellt. Doch glaube ich, dass sie sich vornehmlich vom Relief aus entwickeln wird, wie denn auch jüdische Bildhauer mit ihren der Reliefform am nächsten stehenden Werken (ich erinnere nur an Nossigs Maske des Königs Salomo) die feinsten, ntimsten, sozusagen jüdischesten Wirkungen erzielen. Dann ist Ury jüdischer Künstler als Revolutionär, das heisst als einer, von dem Bewegung, umgestaltende Bewegung ausgeht. Das ist er schon dadurch, dass er der künstlerischen Gesamtentwickelung vorauseilte und aus sich heraus erst den radikalen Impressionismus, dann den modernen malerischen Monumentalstil fand. Er hat das Neue nicht bloss, wie die Juden es zu allen Zeiten thaten, vorausgeahnt und vorbereitet, sondern auch zu gestalten gewusst. Aber er ist vor allem Revolutionär in seiner Art zu schaffen, die ein ewiger Kampf ist, und von der aus er die Ruhe als die einzige und unverzeihliche Sünde betrachtet — „Wollen ist Leben, Können ist Tod", meint er — und das ist jüdische Art. Und er ist Revolutionär in seinen Bildern, in denen sich immer wieder eine lebendige Kraft gegen dumpfe Schicksalsmächte aufbäumt und eine Erlösung sucht. Als solch ein Revolutionär aber geht der jüdische Stammesgeist durch die Zeiten. An den Anfang seiner Menschheitsgeschichte hat er eine Auflehnung gesetzt, und wenn er sie auch brandmarkte, so ist doch die ganze reiche Schönheit des Menschenlebens, wie wir es kennen, darauf gestellt. In der palästinensischen Epoche zeigt sich diese revolutionäre Tendenz in persönlichen Gestaltungen, deren ausgebildetste Hiob ist, und in dem Eifern der Propheten gegen den Willen Lesser Ury: Studie zum „Adam".