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Ost und West · 1901-01-01 · Heft 1 (Januar 1901) · p. Seite 41 - 42

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 1 (Januar 1901)
Article
Hebräisch
Date
1901-01-01
Page
Seite 41 - 42 (sequence 5)
Language
German
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41 Dr. S. Bcrnfcld: „Hebräisch* 42 Krakau („Hador", eine Zeitschrift im modernen Stile), in London („Ha-Jehudi"), in Chikago (,,Ha- Techijjah'4), zwei in Jerusalem (,,Ha-Zebi" und „Habazeleth"). Ausserdem die sehr gediegene Monatsschrift „Haschiloah" in Odessa, etwa im Stile der ,.Deutschen Rundschau*', redigiert von dem geistvollen Publizisten U. Ginzberg. Es erscheinen noch an verschiedenen Orten Jahrbücher und andere periodische Zeitschriften, die sich gewiss auch in anderen Sprachen ganz gut sehen lassen dürften. Die Monatsschrift „Haschachar" (Wien 1869—84) hat leider mit dem Tode ihres Begründers P. Smolenski zu erscheinen aufgehört. Diese Zeitschrift spielte in der Kulturgeschichte der Judenheit eine bedeutende Rolle. Eigenartig, wie ihr so früh verstorbener Herausgeber, repräsentierte sie etwa fünfzehn Jahre hindurch die Epoche der Autklärung und der nationalen, inneren Erweckung. Der „Haschachar" verdient einen Ehrenplatz in der Geschichte der jüdischen Litteratur. Wer die hebräische Sprache noch immer für „tot" hält, gebe sich Mühe, sie zu erlernen, und zwar nicht nur grammatikalisch oder lexikalisch. Er wird erstaunt sein, zu bemerken, welches rege Leben da herrscht, wie namentlich in der belletristischen und poetischen Litteratur die verschiedenen Richtungen vertreten sind: Klassiker, Romantiker, Realisten, Symbolisten, Moderne, Dekadenten, Junge und Allerjüngste. Der geistvolle Maurice Maeterlinck hat wohl keine Ahnung davon, dass er geistesverwandte Mitkämpfer in Russland und in Polen hat, .und mancher Essay würde auch Georg Brandes lesenswert erscheinen. Um Nietzsche wird in der hebräischen Litteratur ebenso eifrig gekämpft wie in der deutschen, und Richard Dehmel fehlt auch in der hebräischen Dichtung nicht; die Meinungen sind über ihn ebenso geteilt, wie über das deutsche Vorbild. Ich will nicht behaupten, dass die hebräische Litteratur in allen Punkten liebenswürdig und schön ist — aber sie ist unter allen Umständen sehr interessant und beachtenswert. DER RABBI UND DER ZADDIK. Ein Bild aus dem Von J. Der Zaddik*) von Biala, Rabbi Xoa, war zuerst einer der vorzüglichsten und hoffnungsvollsten Jünger des berühmten Rabbiners von Brisk.**) Viele Jahre sass er zu seinen Füssen und lernte Thora. Mit einem Male verliess er seinen grossen Lehrer; erwanderte einige Jahre in der Fremde herum, dann Hess er sich in. Biala nieder. Das Brisker Lehrhaus hat der Zaddik aus folgenden Gründen verlassen — es ward ihm da zu eng. Beim Brisker Rabbiner konnte und durfte er nur Thora lernen, mit vielem Scharfsinn den Talmud diskutieren. Aber da war alles nur Formeln und Begriffe; alles für den Scharfsinn und den Verstand, nichts für das Gemüt und das Herz. Der Brisker Rabbiner erlaubte seinen Jüngern nicht, sich mit anderen Dingen als mit dem Talmudstudium zu befassen. Für die chassidische Bewegung hatte er nur Hass und Verachtung, mit der grössten Härte verfolgte er alle, die sich ihr anschlössen; er kämpfte gegen sie mit dem Bann und sonstigen Verfolgungen schonungslos, ohne Erbarmen. Der Chassidismus bedeutete für ihn die Abwendung vom Glauben Israels. Der Jünger Noa wollte daher das Lehrhaus des Brisker Rabbiners verlassen. Aber andererseits, wo konnte er solche scharfsinnige, haarspaltende Vortrage hören? Wie reisst man sich vom Brisker Rabbiner los? Da hatte er einst einen merkwürdigen Traum. Der Brisker Rabbiner sei zu seinem Lieblingsschüler gekommenjind habe ihn aufgefordert, ihn zubegleiten. „Komm, Du mein liebster Schüler, ich will Dich in das Paradies führen." Noa sei seinem Lehrer gefolgt *) Zaddik uhassidischer Rabbiner. **) Brest-Litowsk, von den Juden Brisk genannt. chassidischeu Leben. L. Perez. und habe mit ihm einen wundervollen Palast betreten. Diesen durchschritten beide von Saal zu Saal, überall erschien ihnen eine wundervolle Helle, obwohl nirgends ein Fenster zu sehen war. Von jedem Saal kam ihnen ein anderer, eigenartiger Glanz entgegen, die Wände Schienen von Krystall zu sein, die Lichterscheinung blendete das Auge. Sie durchwandelten diesen Palast, ohne auszuruhen. Xoa wurde müde, er sah sich nach einen Stuhl um, aber der Rabbi verstand ihn und bemerkte ihm: „Nur fortwandern, hier giebt es kein Ausruhen, man kommt hier immer weiter." Es war kein Mensch zu sehen, ganz einsam durchwandeiten sie die lichtvollen Säle. Ein kalter Schweiss bedeckte den Jüngling, 'dem es mit einem Male so einsam in diesem Palast wurde. Er fühlte in sich ein heisses Sehnen nach Geselligkeit; er wollte seine Freunde und Bekannten sehen. Der Rabbi erriet wiederum seine geheimsten Gedanken und bemerkte trocken: ..Hier ist nur Zutritt für mich und Dich. Du sollst dereinst mein Nachfolger als Rabbiner von Brisk werden. Hält Dich aber an mir fest, denn wenn Du mich verlierst, so irrst Du Dein Leben lang herum und kommst niemals zurecht." Ein Schauder erfasste den erschrockenen Jüngling und ängstlich rief er: S) Rabbi, ich will nicht in diesem glanzvollen Palast allein sein; ich sehne mich nach meinen.Volksgenossen!" In diesem Augenblick verschwand der Rabbi, und der erschrockene Jünger sah sich allein in dem Labyrinth. Er suchte vergebens nach einem Ausweg, immer tiefer verlor er sich in die Irrgänge des Palastes. Von den ■ Wänden der durchwanderten Säle wehte ihm eine eisige Kälte entgegen. Und dazu diese Einsamkeit, diese Verlassenheit!

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