Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
- Article
- Schwüre und Gelübde, deren Heiligkeit und deren Auflösung nach jüdischer Lehre
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 323 - 324 (sequence 2)
- Language
- German
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323 Schwüre und Gelübde, deren He.lhjkdt und ck'ren Auflösung nach jüdischer Lehre. 324 ganzen Stück mit keinem Worte die Rede. Die gröbste Fälschung besteht jedoch in der Weglassungder zwei Wörtchen ,,al naphschathana"' für unsere eigene Person; davon ist weiter unten ausführlich die Rede. In Wirklichkeit lautet die UÜbersetzung des Kol Nidre folgendermaßen :, „Alle Gelübde, Verbote, Gelöbmssehwüre, ßannungen, Verachtungen, Versagungen und deren Kinnujim*}, die wir geloben oder verschwören oder bannen o<ler verbieten werden auf unsere eigene Person, von diesem bis zum nächsten Versöhnungstag, der über uns komme zum Guten — sie alle bereuen wir, alle mögen aufgelöst sein, erlassen und erlaubt, annulliert und aufgehoben, nicht bindend, nicht bestehend, unsere Gelübde seien keine Gelübde, unsere Verbote keine Verbote und unsere Gelöbnisschwüre keine Gelöbnissrhwüre.'' „Verziehen möge werden der ganzen Gemeinde der Kinder Israels und dem F rem düng, der unter ihnen wohnt, denn das ganze Volk sündigt ja nur aus Irrtum." Die früheste Erwähnung des Kol Nidre finden wir bei den Geonim. Ihrem rigorosen Standpunkt gemäß, Gelübde und erst recht Gelöbnisschwüre überhaupt nicht zu lösen, protestieren sie gegen die populäre und weitverbreitete Formel. Natronai Gaon (Mitte des 9. Jahrhunderts) schreibt: ,,Es ist nicht üblich, in den beiden Hochschulen (zu Suva und zu Pumbeditha in Babylonien), noch sonstwo, Gelübde zu lösen, weder am Neujahrstage noch am Versöhnungstage. Wir haben freilich gehört, daß es in anderen Ländern üblich sei, Kol 'Nidre zu sagen, wir aber haben das nicht gesehen und von unseren Lehrern nichts darüber gehört."' Folgt Berufung auf die oben angeführte Diskussion Nedarim 23b, und das Verbot, die Lehre von der gelübdeaufhebenden Vorausbedingung öffentlich vorzutragen. ,,Sogar den, der im voraus die Annullierung ausbedingt. gedachte Raba, dies nicht zu lehren; insbesondere Nedarim und Schebuotli, die nicht eingehalten wurden, darf man nicht nachträglich lösen, und man darf nicht lehren, daß sie zu lösen seien. Was kann übrigens -eine Hatharah für eine Wirkung haben für den, der nach getanem Gelübde die Vorausbedingung ausspricht?" ..So schrieb auch Rab Haj Gaon, daß die Entscheidung' im Sinne Rabas zu sein Iiat, der strengier urteilt und ein Spaterer (Abschließender) ist, darum bündeln wir Bliebt nach dieser Mischnah, und wir lösen keine Gelübde, weder am Neujahrstage noch am VersöhnungsUtge. Und auch Ihr sollt es halten wie wir und von dem Brauch •der Hochschulen nicht abweichen." (Ascheri, Ende Jöma.) ..Manche Lehrer sagen, daß dieser Brauch, Kol Nidre zu sagen, keine Begründung hat und auf einem Irrtum beruht, viele Lehrer haben ihn in ihrer Heimat abgeschafft und verboten, Kol Nidre zu sagen. Noch mehr, manche Unwissende irren sich und meinen, daß alle Banne und Gelübde, die ihnen obliegen, annulliert wären, und dann achten sie solche gering." R. Amram Gaon sagt: Ein Teil der Geonim rezitieren Kol Nklrc, wir aber in aller Bescheidenheit verlassen uns nicht -) Siehe voriges Heft, Spalte 269, Anmerkung 6. auf sie in dieser Sache. (Kol-Bo.) „In den Responsen der Geonim fand ich, daß die meisten verwehrt haben, Kol Nidre zu sagen, da es keine Verbesserung bedeutet, sondern nur Nachteil, mit Ausnahme des von R. Haj Gaon überlieferten Textes." (Schibbole ha Leket.) Der Text des R. Haj Gaon ist aramäisch und enthält die Formel „von dem vergangenen Versöhnungstage bis heute", ist also eine Formel für die Lösung abgelegter Gelübde, nicht eine Vorausbedingung für erst abzulegende Gelübde, eigentlich aber nicht einmal eine solche, sondern nur ein Gebet: „Alle Gelübde usw. . . ., <lie wir verboten haben auf unsere Person (al naphschathana) .. . sie alle bereuen wii und kommen zu dir, unser Vater lim Himmel . .,; alle mögen sie uns erlassen werden, daß wir ihretwegen nicht gestraft werden ..., und es bleibe nur deine Verzeihung, Vergebung und Versöhnung, wie es in deiner Thora heißt: Und es wird verziehen der ganzen Gemeinde Israel und dem Fremdling, der unter ihnen wohnt, denn das ganze Volk hat aus Irrtum, gesündigt." Denselben Text überliefert R. Saadja "Gaon ("928—944), nur ganz in hebräischer Fassung; in dieser Fassung" findet er sich auch in der von R. Amram Gaon um 875 nach Spanien gesandten Liturgie für das ganze Jahr. (In der Warschauer Ausgabe der Amram - sehen Gebetordnung., 1865, findet sich hier folgende Bemerkung: „Man hat aber bereits von der Hochschule eine Verkündigung gesandt, daß dies ein irriger Brauch sei, und es sei verboten. Kol Nidre zu sagen") Es war also ein öffentliches Gebet um Verzeihung der Sünden, die man auf sich geladen hatte durch Nichteinhaltung getaner Gelübde im abgelaufenen Jahre. Daneben lief eine wahrscheinlich ganz aramäische Formel um, die für die legale Hatharah abgefaßt war; beide begannen mit dem Worte Kol Nidre und unterschieden sich auch sonst nur in dem zweiten Teil, wo die eine in ein Gebet ausklang, die andere mit den vom Chacfiam zu sprechenden Worten schloß. Gegen diese Hatharah-Formel liefen die Geonim, ihrem Grundsätze treu, Sturm, wobei aber auch das Gebet nicht glimpflich wegkam. Allein, die strengen Geonim. hatten gut reden. Dem Volke die Gewohnheit, Gelübde zu tun, konnten sie doch niclit austreiben, und da indessen die alte Institution der Hatharah bestand, so wurde sie geübt; die Leute hätten sich sonst in ihrem Gewissen bedrückt gefühlt und nicht gewagt, in den Versöhnungstag einzutreten, ohne zuvor die Sünde' unerfüllter oder aus Vergessen und Versehen iibextretener Gelübde durch ein Gebet oder eine legale Lösung gesühnt zu haben. So erhielt sich das Kol Nidre trotz der Bedenken der Geonrm im Volke. Der passendste Zeitpunkt für die Rezitation war der Eingang des Gottesdienstes am Vorabend des Versöhnungstages, da wohl kein Mitglied der Gemeinde in der Synagoge fehlte. Dadurch gewann das Kol Nidre den Charakter einer Introduktion zu den Gebeten. Vermutlich hat ein begabter Kantor die trockene Formel (vielleicht jedoch ursprünglich die Gebetformel?) in eine ergreifende Melodie gekleidet, und in diesem Gewand machte sie die Wanderung durch die weite Welt. Die Gebetformel ist vollständig verschwunden, und nur die Formel der Hatharah ist geblieben, die aber durch R. Jakob Tham eine ganz andere Bedeutung erhielt.