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Ost und West · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1919) · p. Seite 297 - 298

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
Article
Jaákobs Traum
Date
1919-11-01
Page
Seite 297 - 298 (sequence 4)
Language
German
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297 Die Judenfrage im künftigen Europa. 298 (Einen Schritt zurücktretend, neigt <r ein wenig die Arme zur Erde.) „Ström' — ström', entzweites Blut, zur Erde nieder Und mische dich — und werde wieder eins! Blutbrüder wurden. Edom und Jaäkob. Mein Blut sieh' heuf — und niemals, Edom, wieder!" Und dieses Gefühl edler Menschlichkeit bes zwingt uns nicht minder, wenn Jaäkob seinem Knechte Idnibaäl die Freiheit schenkt: „So werf ich über Dich Du Knecht — dei Freiheit neues Kleid!" So singt im nämlichen Werk die Seele des jüdischen Volkes und die Seele der Menschheit Psalmen der Verheißung und Liebe, so rauschen neben hohen nationalen Strömungen auch tiefe, sittliche Grundkräfte der Menschheit im Fluß einer schmalen Handlung auf. Ein steiler Gottsucher, ein nachdenksam ernster Kämpfer voll geistgebundener Sinnlichkeit, ein Widerstreiter seines Herzens mit seinem Hirn und daher als Künstler nicht ganz schlackenlos, aber menschlich groß wie jeder zu Gipfeln Empor* strebende, ein Seelenfürst, der, seiner inneren Sendung bewußt, Zions Herrlichkeiten wieder auf* richten und als Feuersäule dem schmerzensdunklen Ahasver auf seiner Pilgerfahrt durch die Jahrtausende tröstend voranleuchten möchte, ein Geistesherrscher, der über seinem Volke auch der Welt nicht vergißt und auch ihre,Stimme vernimmt, spricht, singt und schreit zuweilen zu uns aus diesem Werk, in dem die Hingabe von 15 Lebensjahren seines Gestalters verströmte. Wir wollen es daher nicht wie manche neunmalweise Zeitungsschreiber lieblos bekritteln, sondern den Dichter mit den gleichen Gefühlen wieder begrüßen, die er selbst in uns auslöste: mit Andacht und Ehrfurcht. DIE JUDENFRAGE IM KUENFTIOEN EUROPA. in. DER WIRTSCHAFTLICHE KERN DER JUDENFRAGE. Es ist die Gewohnheit der Menschen, ihre natürlichen, realen, alltäglichen Bedürfnisse und Nöte in hochtönende, idealistische Phrasen zu kleiden. Theologen und Philosophen mögen darin einen Beweis erblicken, da,ß der Mensch sich seiner Niedrigkeit schäme und zum Höheren emporstrebe. Tatsache ist, daß diese unbewußte, in der Menschennatur steckende Heuchelei das Verständnis der historischen Vorgänge wesentlich erschwert, indem sie über die wahren Motive der Handlungen und Stimmungen täuscht. Das konnte man am besten in diesem wüsten Weltkriege beobachten. Wenn man die Kriegsreden und begeisterten Kundgebungen las, mußte man glauben, daß es sich hier um einen Riesenkampf für die idealsten, heiligsten Güter handelte, um einen Kampf der Weltanschauungen, der ethischen Prinzipien, um einen Kampf der Kulturen und der Kunstformen, ja nlur um einen Kampf der — — Volkslieder. Sollen auf diesem oder jenem Fleckchen Erde in Europa deutsche oder slawische oder romanische Lieder aus dem Munde des Volkes ertönen? Darauf komme es an. Und merkwürdigerweise redeten sich die Völker das ein und glaubten auch daran, ohne sich zu fragen, wozu denn um ideale Güter mit solch derb-realen Mitteln wie Kanonenkugeln, Dynamitbomben und Giftgase gekämpft werden müsse, wozu man Weltanschauungen mit Muskelkraft einbläuen solle, anstatt sie durch Lehre und persönliches Leben zu verbreiten . Aber so oft in diesem Kriege von den Bedingungen eines möglichen Friedens die Rede war, trat die wahre Natur des Kampfes zutage. Da verlangte man nicht etwa, daß die Ententevölker Goethe bewundern, an ihren Universitäten Lehrstühle für Kantsche Philosophie errichten und sich von der deutschen Musik durchdringen lassen sollten. Andererseits wurde auch von den Deutschen nicht gefordert, daß sie Shakespeare als größten Dramatiker anerkennen, sich in Humes Gedankenwelt vertiefen und Darwin und Spencer in ihre Sprache übersetzen. Alle diese Dinge sind bekanntlich auch ohne Krieg und Politik vor sich gegangen, ohne Mitwirkung jener Massenmörder, die man Feldherren nennt, und ohne jene Spitzbuben, Fälscher und Betrüger, die das Handwerk der Diplomaten betreiben. Als es zum Frieden kam, da entpuppte sich der Idealismus zunächst als Kriegsentschädigung von hundert, zweihundert, dreihundert Milliarden in Gold, Gold, Gold! Nie hat sich die gemeine Gier nach' Gold in den edelsten Rassen Europas so grell enthüllt wie in diesem Kriege der Weltanschauungen und der höchsten Kulturwerte. Jeder kämpfte für sein Vaterland, begehrte aber das Vaterland des andern. Liebe den Boden deines Nächsten, als gehörte er dir selbst. Siedlungsland brauchen wir für unsere Bauern. Der fremdvölkische Bauer muß

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