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Ost und West · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1919) · p. Seite 291 - 292

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
Article
Die jüdische Auffassung vom Staate
Date
1919-11-01
Page
Seite 291 - 292 (sequence 3)
Language
German
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291 Jaakobs Traum. 292 raten und die Religion ihre herrschende Stellung verlieren könnte, aber schließlich fügt er sich dem Willen des Volkes, das in den schweren Kämpfen die Notwendigkeit einer politischen Zusammenfassung . der israelitischen Stämme und einer einheitlichen militärischen Führung erkannt hatte. Aber auch nachdem das Königtum in Israel geschaffen war und sich befestigt hatte, lag nicht die ganze Macht in der Hand des Monarchen. Die demokratische Herkunft der Monarchie kommt darin zum Vorschein, daß der König erst dann als legitim und rechtmäßiger Träger der Staatsgewalt .gilt, wenn er vom ganzen Volke 'gewählt ist. Neben dem Fürsten bleibt demnach das Volk als gleichgeordnete Macht bestehen. Außerdem wird durch das Königtum die bisherige Macht, der Rat der Aeltesten, zwar in ihren Befugnissen eingeschränkt, aber nicht beseitigt. Diese älteste jüdische Verfassung überträgt die Aufrechtcrhaltung der Ordnung den Häuptern der Familien und Geschlechter. Sie bildeten die lokalen Behörden. Bei der Beratung" von Fragen, die mehrere Orte betrafen, sehen wir die Aeltesten verschiedener Städte zusammenwirken (Deut. 21, 2). In welchem Verhältnis die „Richter und Amtleute" zu ihnen stehen, ist nicht sicher erkennbar, sie scheinen aber die Beamten der Gemeinden gewesen zu sein. So wenig wir demnach über jede Einzelheit der altjüdischen Verfassung unterrichtet sind, eins tritt deutlich hervor: der demokratische Zug, der durch das Lebeai des Volkes geht. Das -ergibt sich aus der Tatsache, daß die Bibel die Entscheidung über die Form der Regierung in die Hand des Volkes legt. Darum ist es auch kein Zufall, daß der Calvinismus, der zur Entstehung der modernen Demokratie wesentlich beigetragen hat. so stark vom Geist der Bibel bestimmt ist. Alle diese Grundsätze, die vor Jahrtausenden unter absolut anderen Verhältnissen aufgestellt sind, entsprechen auch heute noch unserem modernen Empfinden. Wir verlangen vom Staat, daß er die Anwendung von Zwang und Gewalt auf das notwendige Maß beschränkt und der Freiheit immer weiterer Raum gelassen wird. Als seine wichtigste Aufgabe 'erscheint uns neben dem Schutz der materiellen Wohlfahrt, die Pflege des geistigen Lebens, die kulturelle Arbeit. Der Staat der Gegenwart muß ein sozialer Rechtsstaat sein, der für alle Volksgenossen das gleiche Recht schafft. Heber die Form der Regierung aber entscheidet der Wille des Volkes. So erweist sich von neuem die einzigartige Genialität Mosis, seine geheimnisvolle Fähigkeit, Grundsätze aufzustellen, die sich in allem Wandel der Zeiten als wahr und gültig behaupten. „JAAKOBS TRAUM." Eine Würdigung von Arthur Silbergleit. Trunken von den mythischen Räuschen alt* testamentlicher, süßer Glaubensseligkeiten, gewiegt auf den Schaukeln feierlicher Rythmen von den lichten und dunklen Engeln der Jahweverheißung und ^Verdammung, schenkte uns der Wiener Dichter Richard Beer * Hof mann ein dramatisches Gebilde: „Jaakobs Traum", das er als Vorspiel zu seinem ge* planten Gesamtwerk: „Die Historie von König David" und als Aufukt zu der großen Sinfonie der drei Stücke: „Der junge David", „König David" und „Davids Tod" bezeichnet. In jener tausend* jährigen Schwermut des seines Ahasvertums be* wußten Juden und in jener tiefen Seelenversponnen* heit, mit der er uns bereits in seinem von mystischen Stimmenchören durchbrausten Gedicht: „Mirjams Schlaflied" zu den Gipfeln einer nachdenksam hohen Zeit* und Lebensbetrachtung geleitete, wan* delt er wiederum-einsame, steile und festliche Ge* dankenpfade, an deren Säumen er zuweilen manchen ahnungsvollen Schimmer seines lyrischen Blüten* reichtums aufleuchten läßt. Wesentlich stärker jedoch als der rein künstlerische Abglanz dieses Werkes strahlen seine religiösen, menschlichen und sittlichen Grundkräfte in das Dunkel unserer hoffnungslos verwirrten" und führerlos verirrten Zeit hinein, und sie weisen insbesondere uns Juden neue Wege in das gelobte Land der Seele und sie schenken uns in der sagenumwitterten Heimat unserer Ur* ahnen und Ahnen die stärkste inner« Gewißheit unserer Verwurzelung mit dem heiligen Boden unserer Väter. Ein neues Jerusalem unserer tausend* jährigen Sehnsucht schimmert auf, dessen. Kuppel* und Zinnenglut von der Flamme unserer Inbrunst überstrahlt wird. Es sei hier der Versuch gewagt, dieses Werk vom dichterischen, rein Jüdischen und allgemein menschlichen Standpunkt zu würdigen. Der Drei* klang einer solchen Betrachtungsweise wird freilich zuletzt durch den Einklang Beers Hofmanns mit dem Göttlichen abgelöst. Dieses Göttliche sucht hier ein weithin wirkender Geist auf drei ver* schiedenen und sich dennoch oft heimlich be* gegnenden Pfaden: als Dichter, Philosoph und als Volks= und Menschheitsführer. Aus eben jener

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