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Ost und West · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1919) · p. Seite 289 - 290

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
Article
Die jüdische Auffassung vom Staate
Date
1919-11-01
Page
Seite 289 - 290 (sequence 2)
Language
German
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289 Die jüdische Auffassung vom Staate. 290 Sicherheit und sein Wohl durch einen Feind bedroht, so ist es darum Aufgabe des Staates, den bewaffneten Widerstand zu organisieren, die Kräfte des Volkes zusammenzufassen und seinen Kampf zu leiten. Mit diesen natürlichen und elementaren Aufgaben sind aber auch höhere und ideale verbunden. Die Forderung der Gerechtigkeit, die Mose erhebt, ist nicht eine staatsmännische, kein Gebot der Klugheit, Gerechtigkeit ist ihm ein Gebotseines Gottes, ein ideales Gut, das unter allen Umständen realisiert werden muß. Der religiöse Charakter des jüdischen Staates tritt demnach in den Worten des Mose hervor, religiös nicht nur in dem Sinne, daß alle Handlungen des Staates von religiösen Formen begleitet sind, sondern auch in der tieferen Bedeutung, daß die Verwirklichung der religiösen Ideale die höchste Aufgabe des Staates ist. Eine Verbindung politischen, wirtschaftlichen und geistigen Lebens mit der Religion war auch bei allen anderen Völkern der Antike vornanden,nirgends aber steht der Glaube so sehr im Mittelpunkt alle? nationalen Lebens wie in Israel, wenigstens soweit wir nicht an das tatsächliche Verhalten des Volkes, sondern an die Forderung der Bibel denken. Sie will Israel nicht zu politischer Macht und ebensowenig zu wirtschaftlichem Glanz führen, sondern Israel soll „ein Reich von Priestern und ein heilig Volk" sein. Beachten wir aber, daß in der Antike die einzigeForm der Kultur die religiöse war, dann ist damit die Kulturaufgabe des jüdischen Staates unzweideutig erkannt. Die Heilige Schrift kennt auch die natürlichen, elementaren Funktionen des Staates, seine eigentliche Aufgabe aber ist die Hervorbringmig und Verwirklichung1 der Kultur. Nicht politische Macht oder Reichtum sind die Ideale, nach, denen er strebt, sondern die Verwirklichung der Gerechtigkeit. So wird auch das auffällige Königsgesetz Deut. 17, RUDOLF MARCUSE, Berlin Somali (Bronze) 14—20, verständlich, in dem dem König vor allem die Erfüllung der religiösen Pflichten ans Herz gelegt wird. Der Idealismus der jüdischen Religion verleiht auch dem jüdischen Staat seinen idealen Charakter. Daraus leiten auch die Propheten ihr Recht her, den jüdischen Königen im Namen Gottes entgegenzutreten, wenn sie gegen die ideale Forderung des Judentums handeln, und ihr? Absetzung zu vollziehen. Weil die Bibel vom Staat Gerechtigkeit fordert, kämpft sie leidenschaftlich gegen jede parteiische, ungleichmäßige Rechtsprechung. Sie duldet keine Klassenjustiz, sondern verlangt für die Armen das gleiche Rechl wie für die Reichen. Der Staat darf mach jüdischer Auffassung also kein Klassenstaat sein, sondern hat die Aufgabe, <ten wirtschaftlich Schwachen zu schützen. Die soziale Gesetzgebung der Heiligen Schrift wird für alle Zeiten ein Ruhm des [udentums und ein erhabenes Vorbild bleiben. Was die Form des Staates und die Verteilung der politischen Macht betrifft, so ist es in hohem Grade bezeichnend, daß die Heilige Schrift die Entscheidung darüber dem Volk überläßt „Wenn du in das Land kommst, da.s der Ewige, dein Gott, dir gibt und es in Besitz genommen hast, und darin wohnst und sprichst: ..ich will über mich einen König einsetzen, wie alle Völker um mich herum, dann sollst du dir einenKönig einsetzen, den der Ewige, dein Gott, erwählen wird.'-' Nicht die Religion fordert das Königtum, sondern sie kommt nur dem Wunsch des Volkes entgegen und sucht ihre Interessen bei der Königswahl zu sichern. Das ist die Stellungnahme der mosaischen Religion. Daß auch die Propheten in dieser Frage die gleiche Anschauung vertreten, beweist das Verhalten Samuels. Er fürchtete, daiß durch die Wahl eines Königs die politischen und wirtschaftlichen Interessen des jüdischen Reiches mit seinen religiös-sittlichen Idealen in Kampf ge-

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