Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1919)
- Article
- Abraham Elija Harkavy
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 201 - 202 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2583875-2584087-2584091-2607840--17568-2607886- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
201 Mein erster Fasttag. 202 eines Besuches bei ihm im Jahre 1906 das Gespräch auf dieses Ereignis brachte, wehrte er mit den Worten ab, dies gehöre bereits der Vergangenheit an und verdiene noch kaum besprochen zu werden Sein Leben lang ist Harkavy den religiösen Idealen seiner Jugendzeit treu geblieben. In der jüdischen Gemeinde von Petersburg, in der er große Achtung genoß, vertrat er eifrig das konser* vative Judentum und beteiligte sich an allen gemein* nützigen Arbeiten, insbesondere an den kulturellen, nicht nur der hauptstädtischen, sondern der ge* samten russischen Judenheit. Es ist eine eigen* tümliche Tragik in seinem Leben, daß er sein 70. Lebensjahi mitten in der ersten Revolution, die auf den japanischen Krieg gefolgt war, vollendet hatte. Sein 70. Geburtstag ist deshalb nicht nach dem Verdienst des Gelehrten gefeiert worden. Sein 80. Geburtstag fiel mitten in den Weltkrieg, und sein Ableben jetzt unter das Chaos, in das Ruß* land verfallen ist. Bei Lebseiten also wie auch anläßlich seines Todes wurden ihm nicht die Ehren* bezeugungen zuteil, deren er zweifellos würdig war. Nicht nur Bücher, sondern auch Gelehrte haben ihre Schicksale. MEIN ERSTER FASTTAG. Aus den Erzählungen des alten Professors der Astronomie. (Schluß) 3>Na, seid ihr endlich zurück von der weiten Reise?" begrüßte uns die Haushälterin Jaga. „Habt ihr Hunger? Habt ihr Durst? Kommt nur schnell herein!" Auf dem langen Tisch im großen Wirtschaftszimmer warteten einige Schüsseln voll Rahm mit Walderdbeeren. Großmütterchen und die anderen Kleinen, vorab mein zehnjähriger Bruder, machten sich über den schneeweißen, purpurgefleckten Leckerbissen her. Jaga stand an der Schmalseite des Tisches, und während sie große Schnitte Weißbrot mit Butter bestrich, ermahnte sie mit befehlshaberischer Stimme die jungen Naschhälse, ja nicht einen Löffel einzutauchen, ehe sie die Berachah gemacht. Jaga war eine fromme Christin und achtete streng darauf, daß die Vorschriften der jüdischen Religion von uns Kindern peinlich befolgt wurden. Beim Anblick der appetitlichen Speise und der herzhaft zugreifenden Kinder fühlte ich plötzlich ein starkes Knurren in der Magengegend. Jaga kam ituf mich zu und schloß mich zärtlich in die Arme. „Hast wohl guten Appetit, mein Junge, was? Aber du mußt noch zwei, drei Stunden fasten, mein Kind, du bist ja schon ein großer Junge, ei, du bist schon fast so groß wie ich, und mir ist es, als hätte ich dich erst gestern auf diesen meinen Armen getragen. Wie rasch die Zeit vergeht... Na, sagen wir, bis drei Uhr fastest du..." „Was fällt dir ein, Jaga, ich muß den ganzen Tag fasten, bis drei Sterne am Abendhimmel stehen." ,,Du bist wolil verrückt, Kleiner? Schau mal einer ,tn, der hält sich für einen erwachsenen Mann und will den ganzen Tag fasten,..!" „Das muß ich. Jaga, ich hab' nämlich einen Nedcr getan." ,,Einen Nedcr? Was ist denn das?" . „Das ist ein Gelübde, so gut wie ein Schwur." „Dummes Zeng, ein kleiner Junge wie du, tut keinen Schwur. Bis drei Uhr fastest du, dann wird gegessen. Verstanden? Basta!" Jaga war um ein Jahr älter als meine Großmutter, hatte ihr ganzes Leben mit uns verbracht und war bereit, für jeden von uns durchs Feuer zu gehen; sie fühlte sich als Herrin des Hauses, duzte alle, die Großmutter nicht ausgenommen, führte ein strenges Regiment und duldete keinen Widerspruch. „Heda, ilir kleinen Lämmer," wandte sie sich an die Schar der schmausenden Kinder, „seid Unfertig? So sprecht das Tischgebet und trollt euch in den Garten, dort könnt ilir herumspringen soviel ihr wollt, aber hütet euch, mir die Blumen und das Gemüse zu zerstampfen und die jungen Schoten zu verwüsten, sonst reiß' ich euch die Ohren ab, ihr verflixten Schlingel if< Einige Minuten später saßen Mutter und Großmutter mit Jaga an dem langen Tisch, mit Wirtschaftsarbeiten beschäftigt. Reb Chajkel trat ein und ließ sich seufzend auf einen Stuhl in der Ecke nieder. Er wischte sich die schweißbedeckte Stirn. „Ein heißer Tag," stöhnte er. Großmutter zwinkerte meiner Mutter lächelnd zu, und diese sagte: „Ein Glas kalte Sauermilch würde euch sehr wohltun ... ein schwächlicher Mensch, wie ihr seid .. Der Zaddik von Sadagora trinkt ja sogar Kaifee am heutigen Tag."- ' „Sauermilch? Wo denkt ihr hin?... Am heutigen Tage? Man muß sich peinigen..." „Ganz recht, aber man darf sich nicht zu Tode peinigen, ihr könntet, Gott behüte, ernstlich erkranken ... Gott hat nicht viele, die ihni so dienen wie ihr. Wenn ihr nur zum Himmel emporblickt, ist das vor Gott lieber, als wenn wir gemeinen Leute zweimal in der Woche fasten." „Hm, aber kalte Sauermilch, das ist ja schon fast ein richtiges Essen; das wäre eine schwere Sünde..." „Ach, ja, ich weiß, ihr mögt keine kalte Sauermilch ... es kann ja Kaffee sein, eine oder zwei Tassen, ganz wie es der heilige Zaddik von Sadagora macht." „Nein, nein," protestierte Reb Chajkel matt. „Der Heilige Ton Sadagora ist von schwacher Gesundheit, und dann ist er ja. eben der Heilige von Sadagora, wie kann ich sündiger Mensch mich mit ihm vergleichen?"