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Ost und West · 1919-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1919) · p. Seite 199 - 200

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1919)
Article
Abraham Elija Harkavy
Date
1919-07-01
Page
Seite 199 - 200 (sequence 2)
Language
German
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199 Abraham Elija Harkavy. 200 zu werden. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts trat in Rußland ein karäischer Gelehrter, Abraham Firkowitsch, als Sammler karäischer Schriften und geschichtlicher Urkunden auf und lenkte auf sich die Aufmerksamkeit weiter wissenschaftlicher Kreise. Die karäische Forschung lag damals in ihren Anfängen, und man wußte von dieser eigenartigen jüdischen Sekte, die für die religionsgeschichtliche Entwicklung des Judentums von der größten Bedeu* tung ist, recht wenig, und dies Wenige auch nur ungenau und häufig verzerrt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Firkowitsch, der selbst Karäer war, für die Erforschung des Karäertums viel getan hat, insbesondere durch das fleißige Sammeln der auf der Halbinsel Krim verstreuten Handschriften von Büchern und alten Urkunden. Ein gediegener jüdischer Forscher, S. Pinsker, der mit Firkowitsch befreundet war, wurde durch das handschriftliche Material, das ihm sein karäischer Freund in die Hände gab, zuerst in die Lage versetzt, in einer umfassenden Untersuchung (Likkute Kadmonijjot, Wien 1860) ein Gesamtbild des Karäertums zu ent* werfen, und ihm folgten darauf andere jüdische und christliche Gelehrte, die nach und nach die verschollenen schriftlichen Denkmäler ans Tages* licht förderten. Aber Firkowitsch. hat mit seiner eifrigen Sammele tätigkeit einen Parteizweck verfolgt. Er wollte der russischen Regierung, die sich für diese wissen* schaftlichen Erscheinungen ungemein interessierte, den Beweis liefern, daß das Karäertum nicht eine jüngere im Mittelalter entstandene jüdische Sekte sei, die vom Judentum ihren Ausgang genommen habe, sondern uralt, d. h. das uralte Judentum, wie es in der biblischen Zeit war, von dem sich das rabbinische Judentum abgesondert hätte. Die ge* schichtliche Entwicklung des Judentums sollte damit auf den Kopf gestellt werden, oder, um ein anderes Bild zu gebrauchen: der Tochter wurde die Rolle der Mutter zugewiesen. Außerdem trat Firkowitsch mit der Behauptung auf, daß die karäische Ansiedlung auf der Halbinsel Krim aus der Zeit des Falls von Samaria {722 v. der üblichen Zeitrechnung) stamme, da zahlreiche Exulanten, die unter der Regierung der Assyrerkönige Salmanassar und Sargon von Samaria weggeführt worden seien, sich in den Orten der Krim niedergelassen hätten. Diese These, die für ihn eine feststehende geschichtliche Tatsache war, stärkte er durch zahlreiche Inschriften auf Grabsteinen und durch sonstige Epigraphien, die er in erstaunlicher Weise zu fälschen verstand und damit dk bedeutendsten zeitgenössischen Gelehrten irre führte. Er erfand zu seinem Zweck eine neue Aera, die in der jüdischen Chronographie niemals üblich war, die sog. Aera des Exils Salmanassar, nach der angeblich die alten karäisclien Urkunden datiert waren. Die russische Regierung, die mit dem jüdischen Problem niemals fertig werden konnte, griff diese These auf und behandelte einige Jahr* zehnte hindurch die Karäer als die echten und wahren Juden, während das rabbinische Judentum ihr als eine „Entartung" galt. Die Folge davon war, daß die Karäer durch viele Privilegien bevorzugt wurden, die eigentlichen Juden hingegen immer neue Drangsalierungen erfuhren. Gestützt wurden die Fälschungen Firkowitschs, die in ihrer Art genial waren, durch das wissenschaftliche Gutachten eines hervorragenden und in Regierungskreisen einflußreichen Gelehrten Daniel Chwolsons, der aus dem Judentum hervorgegangen war, im reifen Alter aber das Christentum angenommen hatte. Der erste Forscher, der diese Fälschungen als solche erkannt hatte, und sich mit dem ganzen Mut eines nach wissenschaftlicher Wahrheit streben* den Mannes diesem frivolen Treiben entgegensetzte, war Abraham Elija Harkavy. Es war damals ge* wiß kein geringes, daß ein junger, erst aufstrebender Gelehrter ohne Namen und Autorität es wagte, nicht nur dem greisen Firkowitsch entgegenzutreten, der zahlreiche jüdische und christliche Verehrer hatte, sondern auch DanieL Chwolson, der sich in der Gelehrten weit des bestenRufes erfreute. Harkavy führte den Kampf eigentlich gegen Chwolson, der aus Leichtfertigkeit oder Absicht der russischen Re* gierung, welche die „wertvollen Schätze" des Fälschers um hohe Summe angekauft hatte, deren Echtheit bezeugte: denn nur auf das Gutachten Chwolsons hin hatte sich die Regierung entschlossen, die Denkmäler der Krim zu erwerben. Chwolson kämpfte somit in dieser Sache um seinen Ruf als Gelehrter. Aber Harkavy schrak vor nichts zurück, trotzdem es ihm bekannt war, daß in höchsten Regierungskreisen die Sympathien auf Seiten Chwolson und seines karäischen Schützlings waren. Er ist aus diesem Streite als Sieger hervor* gegangen. Das ganze „geschichtliche Material" Firkowitschs gilt längst bereits als abgetan. Selbst manche literarische Arbeit von angeblich karäischen Schriftstellern, die Firkowitsch und seine Helfeshelfer aufgefunden haben wollten, wurden als Fälschungen erkannt und auf ihren wahren Wert oder richtiger Unwert zurückgeführt. An der Ent* larvung Firkowitschs haben sich später auch andere jüdische und christliche Gelehrte beteiligt, am er* folgreichsten F. F. Frankl und H. Strack in Berlin. Zuletzt gab der gewesene Sekretär Firkowitschs, Ephraim Deinard, wohl nicht Firkowitsch selbst, der das Ende des Kampfes nicht erlebt hat, sondern Chwolson den letzten Stoß, indem er nicht nur was gefälscht, sondern auch wie ge* fälscht wurde, öffentlich bekundete. Harkavy war eine bescheidene, zurückhaltende Natur und sprach von dieser stolzen Tat, die er in jungen Jahren vollbracht hatte, sehr wenig. Als ich gelegentlich

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