Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1919)
- Article
- Mein erster Fasttag
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 159 - 160 (sequence 2)
- Language
- German
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159 Mein erster Fasttag. 160 nehmen zu können. Seine Stimme klang weich, lauschig und sogar wehmütig. Großmütterchen saß neben mir, den Ellenbogen auf meine Knie gestützt, das Köpfchen auf den Arm geleimt, und horchte mit brennenden Augen und klopfendem Herzen. Erst als unser Lehrer auf die Wundergeschichten des Baal-Schern und seiner Nachfolger, der „guten Juden", zu sprechen kam, nahm er allmählich einen ausgesprochen satirischen Ton an, Er kannte alle diese Erzählungen ausgezeichnet, an den schönsten von ihnen übte er unbewußt was man heutzutage historische Kritik nennt, indem er nachwies, daß jedesmal eine ältere, im Volke umlaufende Wundergeschichte von Eliah, dem Propheten, oder von den sechsunddreißig Gerechten im chassidischen Sinne umgedeutet, und der Zaddik in den Mittelpunkt gestellt wurde. Das war nicht besonders rühmlich für die Chassidim und ihre „guten Jüden", Reb Chajkel ärgerte sich weidlich, machte ohnmächtige Einwendungen, konnte aber gegen unsern Lehrer nicht aufkommen. Dieser verweilte mit besonderem Behagen bei jenen Geschichten, in denen der Zaddik einen Ungläubigen oder Widerspenstigen bestraft, indem er den Fluch des Himmels auf ihn herabfleht, was in der Sprache der Chassidim ,,maanisch sein" hieß. Das war eine sehr heikle Sache, da es zwar den großen Einfluß der Za&dikim bei den himmlischen Mächten bezeugte, aber auf ihre Frömmigkeit kein günstiges Licht warf und dem klaren Bibelwort widersprach, welches da läutet: „Das Strafen geziemt sich nicht für den! Zaddik." „Das merkwürdigste Wunder dieser Art", fuhr unser Lehrer fort, „ereignete sich in Beiz. Da saß einmal der Zaddik Rabbi Schalom Rokeach, gesegnet sei sein heiliges Andenken, am Sabbat nachmittags im Kreise seiner Chassidim und sagte Thora*). Von der Glut der Thora bekamen sie;üle Durst, aber der Met war ausgegangen. Die Chassidim lieben es bekanntlich nicht, mit trockener Kehle dazusitzen. Der Zaddik schickt also seinen Leibdiener zum benachbarten Schankwirt hinüber, um zehn Flaschen Met zu holen. Geld kann er nicht mitnehmen, denn es ist Sabbat. Der Schankwirt aber ist ein Ungläubiger und verlangt ein paar silberne Löffel als Pfand. Das ist eine Nichtswürdigkeit, dem Rabbi einige lumpige Flaschen Met nicht kreditieren zu wollen! Der Zaddik ist empört und spricht zu seinem Leibdiencr: ,,Geh hin und sprich über das Haus im meinem Namen den Fluch aus, daß es noch in dieser Nacht einstürze." Der Diener geht, kehrt aber bald wieder: „Rabbi, das Herz bricht mir bei dem Gedanken an die vielen Menschen, die' dabei umkommen können." „Du hast recht," sagt der Zaddik besänftigt, „es soll ihm diesmal geschenkt werden. Lauf rasch hin und sprich in meinem Namen, das Haus solle stehen bleiben/' Der Diener läuft, spricht das Wort und das Haus bleibt stehen. Es steht bis auf den heutigen Tag. Ich hab' es selber gesehen." Alle lachten. Sogar Großmütterchen lachte mit, ohne zu wissen, warum. Reb Chajkel ließ verdrossen die Nase hängen. „Wir werden viel zu lustig", sagte unser Lehrer. „Gehen wir nach Hause." Wir stiegen auf anderem Wege die Anhöhe hinab. Großmütterchen hatte sich aus 'Blättern und ') ungezwungene homiletische Tischrede. Feldblumen einen riesigen Kranz geflochten, unter dem ihr kleiner Leib fast ganz verschwand. Sie hatte sich bei unserm Lehrer den Stock ausgebeten und schritt majestätisch als Hirtenkönigin an meiner Seite daher. „Ich bin schrecklich durstig", sagte sie plötzlich, ihrer Würde ganz vergessend. „Ich möchte gern einen Schluck Wasser." „Du mußt schon warten, bis wir zu Hause sind, es kann, nur noch eine Viertelstunde dauern." Wir alle hatten Dirrst bei dieser starken. Hitze, und die kleineren Knaben würden jetzt alle ihre glänzenden Knöpfe und sonstiges Spielzeug gern für einen Trunk Wasser hingegeben haben. Schließlich warf Großmütterchen ihren Blätterkranz weg, gab den Stock seinem Eigentümer, zurück und lief voran; es war ihr zu langweilig, mit uns Schritt zu halten. Die Gegend kannte sie gut. Bald kam sie atemlos herbeigesprungen und rief: „Kommt, iph zeig' euch was Schönes, ich hab' was Schönes gefunden, ach, so Schönes hab' ich mein ganzes Leben noch aiicht gesehen. Kommt schnell, schnell." Sie führte uns seitwärts nach einem kleinen Gebüsch am Abhänge der Anhöhe. Mitten in einer .'kleinen Ebene, zwischen Sand und Kieselsteinen., war eine Quelle, nicht größer als ein Waschbecken; sie mußte erst vor kurzem ausgebrochen seih, denn wir kannten die StelLe sehr gut. und waren vor wenigen Tagen dort gewesen, ohne die Quelle zu bemerken. Kristallklar und still lag der winzige, liebliche Wasserspiegel da im Sonnenlicht, eingerahmt von einem Saum polierter Kieselsteine und feinen, weißen Sandes. Am Boden schimmerten zwei winzige Näpfchen, so groß wie Fingerhüte, durch die das Wasser sichtlich aus den Tiefen der Erde hervorsprudelte. Ein dünnes Bächlein grub sich leise singend ein feines, schmales Bett hinaus ins Freie, um den Abhang hinunterzurieseln. In einiger Entfernung dehnte sich die saftige, frische Grasfläche und das dichte Gebüsch stand reglos da. Eine Weile verharrten wir schweigend, dann sprach mein Lehrer: „Trinkt, Kinder. Wer keinen Neder getan hat, zu fasten, darf trinken. Ihr habt gewiß alle Durst." ' a „Großmütterchen," sagte ich, „trink doch. Du klagtest vorhin über Durst. Trink doch." Großmütterchen trat hinzu/bückte sich und machte aus ihren Händen eine Schale, bereit, sie in das labende Naß zu tauchen. Sie zögerte. Schließlich richtete sie sich auf und trat zurück'. „Ich kann nicht . . . ich will nicht ... es ist schade . . . siehst du ... es ist so schön . . ." Keiner trank. Wir standen noch eine Weile da, dann gingen wir unsern Weg. Lemko hatte die Rückkehr seiner Herrin gewittert und kam uns eine Strecke lang entgegengelaufen. Er ließ' von der Ferne ein freudiges Bellen erklingen. Als er Großmütterchens ansichtig wurde, stürzte er förmlich auf sie zu, beleckte ihre Schuhe,'beschnüffelte und beroch sie von oben bis unten, dann legte er ihr seine Pfoten zutraulich auf die Schultern und neigte den Kopf, nach Liebkosungen begierig. „Mach mich nicht schmutzig, dummer Kerl", wehrte Großmütterchen Lachend und klopfte ihm freundschaftlich auf den Nacken. (Schluß folgt.)