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Ost und West · 1919-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1919) · p. Seite 157 - 158

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1919)
Article
Mein erster Fasttag
Date
1919-05-01
Page
Seite 157 - 158 (sequence 1)
Language
German
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157 Mein erster Fasttag. 158 MEIN ERSTER FASTTAG. Aus den Erzählungen des alten Professors der Astronomie. (Fortsetzung.) Der (kleine Friedhof lagam Rande des Waldes auf einer Hochebene, die von Schluchten zerklüftet und mit seltsam geformten Felsenzacken besät war. Zwischendurch dehnten sich schöne Wiesen und Weidenplätze, wodas Vieh der umliegenden Dörfer graste. Von dort aus eröffnete sich ein weiter Ausblick auf die ganze Umgegend, mehrere Meilen hinaus. Dieser '„heilige Ort" beschäftigte oft unsere Phantasie, denn er war ein Rätsel. Sonst Waren nämlich jüdische Friedhöfe nur in Städten anzutreffen. Während wir jetzt die gewundenen Stege und schmalen Pfade hinanklettcrtcn, erzählte uns unser Lehrer, was man sich über den Ursprung dieser Begräbnisstätte überlieferte. Danach war hier in alten Zeiten eine Stadt, alle die jetzt voneinander getrennten Dörfer bildeten eine einzige Gemeinde, von Christen und Juden bewohnt. Daher kam es auch, daß ringsherum Ruin en und alte Häuser von städtischer Bauart anzutreffen waren, die zu den strohbedeckten Lehmhütten der Bauern in seltsamem Gegensatz .standen. Unser Haus, das im Volkstauuidc allgemein „Ratusz" (Rathavis) hieß, war ehemals der Sitz der.städtischen Behörden und der Obrigkeit gewesen, wovon noch die vielen weiten Räume, die Wölbungen und die weitläufigen Nebengebäude zeugten. Das stattliche, gemauerte Haus lag auf einer Anhöhe, zu der von zwei Seiten her gut geebnete Wege binanführten und in weite Tore mündeten, die von innen und außen mit Eisen .beschlagen und mit kräftigen Stangen bewehrt waren. Das Rathaus mußte in alter Zeit offenbar eine Art Festung gewesen sein. Ringsherum zog sich ein Wall, dessen Ueberreste auf der Ostseite noch vorhanden waren. An der Front war eine Art gewölbte Halle, von vier dicken Säulen eingefaßt, die das Haus von dem geräumigen Vorgarten schieden. Einige mächtige, vom Alter glattpolierte .Quadern lagen vor den Fenstern und dienten als Bänke, auf denen man am Abend herumsaß und plauderte. Neulich hatte man in den weitläufigen gewölbten, mit schweren Eisentüren versehenen Kellerräumen sogar die Oeffnung eines gemauerten unterirdischen Korridors entdeckt, von dem man versicherte, daß er bis hinunter zu dem Fluß führte, der unsere Mühle trieb. Ein fürchterlicher Krieg, 'der jahrelang getobt, hatte die Stadt zerstört und verwüstet, und von der ehemaligen Existenz der jüdischen Gemeinde zeugte nur noch der Friedhof hoch oben, mit halb verwitterten, versunkenen und gebeugten Grabsteinen, die von den Juden der benachbarten Dörfer, so gut es ging, in Stand gehalten wurden. Die Hirtenjungen, die in der Nähe das Vieh hüteten, liebten es nämlich, auf dem Friedhof ihren Unfug zu treiben, nachts machten sie sogar ein Feuer an, brieten Kartoffeln und veranstalteten Tänze bei Pfeifenspiel und Liedergesang. Einige Male waren sie dabei von den Juden überrascht und weidlich durchgeprügelt worden. Aber das half ebensowenig, wie die kräftigen Ermahnungen und Predigten des Pfarrers, der von der Kanzel herab diese Missetaten oftmals in derben Worten verdammte. Schließlich griff Jankel, der Fuhrmann, auf Anraten eben dieses Pfarrers (zu einer Maßregel, die guten Erfolg hatte. In weiße Laken gehüllt, mit einer Blendlaterne versehen, versteckte er sich einmal gegen Abend in einer Grube, und kurz vor Mitternacht kroch er hervor, trat in den Kreis der tanzenden und johlenden Burschen und Mädchen, die zu Tode erschrocken, das Feuer mit den bratenden Kartoffeln zurückließen und 'schreiend auseinander stoben. Eine Judenlciche hatte sich aus dem Grabe erhoben und sie bedroht . . . Fortab wurde die Ruhe der Verstorbenen nicht 'gestört. Uns hatten sich unterwegs mehrere unserer Nachbarn aaigeschlosscn, und wir gelangten in statt licher Anzahl hinauf. Moses Feder, der ein Kohen war. blieb vor der Pforte stehen, wartete, bis unser Lehrer das übliche Gebet gesprochen hatte, und kehrte dann um. Die andern zerstreuten sich zwischen den Grabsteinen. Ich blickte um mich und sah 'die ganze Umgegend vor mir ausgebreitet, die dunkeln Wälder hoben sich ab von den grünenden Wiesen und den hellen, reifenden Feldern. AVie ein silbernes Band schlängelte sich der Fluß dazwischen und verlor sich in der Ferne. Auf einer Anhöhe gegenüber, scheinbar ganz nahe, aber mindestens eine Viertelmeile entfernt, ragte die katholische Kirche mit den unzähligen Türmchen, und dahinter dehnte sich der christliche Friedhof. Tief unten im Tal zog sich die Landstraße dahin, ein paar schwarze Pünktchen bewegten sich darauf, so groß wie Käfer . . . ach, das war Moses Feder, der soeben Vom Friedhof fortgegangen war, ein Nachbar hatte sich zu ihm gesellt. Wie winzig und zierlicli schien alles dort unten, die Häuser und Hügel, und erst .die Menschen, die Tiere, die Bäume, von hier ans gesehen, wie Kinderspielzeug sahen sie aus unter der mächtigen Himmelskuppel, die sich über dem unermeßlichen. Raum wölbte, an deren höchster Spitze die Sonne einsam stand und ein Meer von, Licht über die Welt ausgoß . . . Unter der Linde, die mitten im Friedhof ihre weißen Blütenkegel 'durch das dunkelgrüne Laub schimmern ließ, setzten wir uns alle im Halbkreis nieder, unser Lehrer in der Mitte, und er fing an, nach altem Brauch Geschichten und Märchen zu erzählen. Unser'Lehrer wußte davon eine Unmenge, aus alten 'Büchern und aus mündlicher Ueberlieferung, und er besaß die Kunst, sie reizend vorzutragen. Die Sagen von Eliah dem Propheten und die von den sechsunddreißig- Gerechten, die verborgen unter den Menschen wandeln, in niedriger Gestalt, als arme Tagelöhner oder Handwerker, von allen gering geschätzt, denn keiner ahnt, daß sie es sind, um deren Gerechtigkeit und Frömmigkeit willen die Welt bestehen bleibt, und nicht zusammenbricht unter dem Zorn Gottes, wegen der vielen Sünden, von denen sie voll ist. Dann erzählte er uns von den wunderbaren Schicksalen der Weisen und Frommen der alten Zeit, wie sie schwere Kämpfe und Heimsuchungen zu bestehen hatten, bis sie sich durch wunderbare Fügungen zur Klarheit und Reinlich durchrangen. Dieser nüchterne, strenge Verstandesmensch, Rechner und Astronom schien sich bei diesen Erzählungen in ein gläubiges Kind zu verwandeln. Er flocht von Zeit zu Zeit Bemerkungen ein, daß alle diese Wundererzählungen nicht wörtlich zu nehmen und nur als Symbol oder Parabel zu verstehen wären. Aber diese Proteste klangen schwach. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, wird es mir klar, daß er irgendwo in einer geheimen Falte seiner Seele an die Wundergeschichten wirklich glaubte, oder wenigstens wünschte, sie buchstäblich und nicht nur svmbolisch

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