Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1919)
- Article
- Stimmen
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 153 - 154 (sequence 2)
- Language
- German
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153 Die älteste jüdische Erziehunganstalt. 154 durchströmen? Als Vorgemach und Halklujahalle zum Hause hochzeitlicher Wonnen empfängt sie dankbar die Duftopfer und Spezereien voll kost* liehen Brodems, die ihr die Jünglinge und Jung* frauen in ihren ambradurchrieselten festlichen Trachten darbringen. Manchmal weitet sich ihr im Traum ihr enges Geviert zu einem Riesentempel, in dem sie Messias und die Menschheit als Bräutigam und Braut umschließt. * * DIE DAVIDSHARFE. Rund wie die Lenden Leas trägt sie auf ihrem schwellenden Leibe statt eines Mieders einen Gürtel aus silbernen Saiten. Seine Schnüre erklingen im hellen Jubel, wenn sie König Davids Hand von ihrem starren Bann erlöst. Und es nahen von ihren Zubern und Zisternen Mädchen und Frauen, und sie tanzen nach diesem Rhythmenrausch, und es hüpfen Jünglinge und Jungfrauen von ihren Reigen* spielen herbei, und sie tanzen und tanzen psalmen* unirauscht, und es humpeln auf knorrigen Bettler* Stäben und Krücken Greise und Sieche heran, und die Wünsche ihrer Jugend tanzen wieder, ja selbst Wolken und Planeten schweben hernieder, und sie tanzen und tanzen. Aber manchmal singen die Saiten der Davidharfe so durchseelt und leise, als wollten sie-statt Lieder Gebete flüstern, und dann erzittern sie andachtsvoll wie die hauchumspielten Perlenschnüre des Vorhangs vor dem Allerheiligsten. DIE AELTESTE JUEDISCHE ERZIEHUNGSANSTALT BERLINS. (Zu ihrem hundertunddreißigjährigen Bestand.) Die Anstalten zur Pflege der Bildung und zur Erziehung der unbemittelten Jugend, welche die deutschen Juden seit Ausgang des 18. Jahrhunderts ins Leben gerufen, sind in der ganzen Judenheit beider Halbkugeln ebenso berühmt und mustergebend geworden, wie die Lehrstätten für die Wissenschaft des Judentums, die die Juden auf deutschem Boden errichtet haben. In den jitdischen Gemeinden kennt jeder, der sich für die öffentlichen Angelegenheiten interessiert, die Waisenhäuser, die Schulen, die Lehrerbildungsanstalten und die ihnen verwandten Institutionen, denen esdie deutsche Judenheit verdankt, daß' auch in den ganz unbemittelten Schichten der angeborene und ererbte Bildungstrieb befriedigt werden konnte und daß aus den Tiefen der Gesellschaft sich eine so stattliche Anzahl von jüdischen Männern emporgerungen hat, die dem jüdischen Stamm" zur Ehre und dem Vaterland zum Nutzen gereichten, anstatt, wie'dies sonst der Fall gewesen wäre, in Not und Unwissenheit zu verkümmern. Nur eine Anstalt dieser Art, die zu den vornehmsten gehört und "überdies die Älteste jüdische Erziehungsanstalt in Berlin, vielleicht in ganz Deutschland, ist, blüht im Verborgenen, nur von jenen gekannt, die es ihr verdanken, daß ihnen der Weg in die lichteren Sphären des Lebens geebnet wurde. Wir meinen die Nauehsche Erziehungsanstalt, die in diesem Jahre ein doppeltes Jubiläum hätte feiern können, das ihres hundertunddrei&igjährigen Bestehens und zugleich das fünfundzwanzigjährige Amtsjubiläum ' ihres jetzigen hochverdienten Direktors Dr. O s k a r G ö tz. . . Weit unten in der Elsasser Straße, wo sie in die:Chausseestraße mündet, befindet sich das Institut in . einem stillen G&rtenhause, dem Lärm der Großstadt , entrückt. Achtzehn Knaben im Alter zwischen acht und sechzehn Jahren werden ■ dort erzogen. Es sind nicht etwa Waisenknaben, sondern Kinder solcher Eltern, deren Mittel es ihnen nicht erlauben, ihren Sprößlingen eine deren Begabungen angemessene Erziehung zuteil werden zu lassen. Die Anstalt will also vorbeugen, daß aus Mangel an Mitteln der Öffentlichkeit Kräfte verloren gehen, die unter günstigeren Bedingungen Nützliches leisten könnten. Ein ausgezeichneter, wahrhaft sozialer Gedanke, der über das Niveau der landläufigen Wohltätigkeit weit hinausgeht, ein Gedanke, der leider unter den Juden anderer Länder bisher keine Nachfolge gefunden hat. Merkwürdig ist es, daß diese Idee von einer Frau erfaßt und ausgeführt worden ist. Die Stifterin der Anstalt war nämlich die im Jahre 1788 zu'-Berlin verstorbene Frau Dina Nauen-Cohn, der der jetzige Direktor Dr. Oskar Götz in einer vor zehn Jahren verfaßten schön und lichtvoll geschriebenen Geschichte der Anstalt ein würdiges Denkmal gesetzt hat. Sie war die Tochter des im Jahre 1758 verstorbenen Z a d u k Nauen, Sohnes des 1695 verstorbenen Mordechaj Chajjim Nauen. Ihr im Jahre 1778 verstorbener Gatte, Jakob Herz (Hirz) Aron Cohn, hatte sie zur alleinigen Erbin seines Vermögens eingesetzt. In ihrem, kurz nach Heimgang ihres Mannes, den sie um zehn Jahre überlebte, abgefaßten. Testamente vermacht sie ihren ganzen Besitz wohltätigen Zwecken, bedenkt die Institute der Talmud Thora, Hachnasath Kallah und Haspakath Ebionim mit besonderen Legaten, den Hauptteil aber bestimmt sie für „eine Erziehungsanstalt, in die zehn arme Kinder aufzunehmen sind, die höchstens von ihrem achten bis zum zurückgelegten sechzehnten Lebensjahre unterhalten werden sollen. Sie sollen in der Thora und in sittlicher (weltlicher) Bildung unterrichtet werden. Als Anstaltshaus soll das in dem ällhier in Berlin in der Spandauer Straße gelegenen, meinem seligen Manne' zugehörig ge-