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Ost und West · 1919-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1919) · p. Seite 151 - 152

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1919)
Article
Stimmen
Date
1919-05-01
Page
Seite 151 - 152 (sequence 1)
Language
German
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151 Stimmen. 152 STIMMEN, Von Atthur Silbeigleit. DIE KLAGEMAUER. Ein verwitterter Fels des salomonischen Tempels, von -tausendjährigen Himmels* und Menschenzähren zerfurcht, starrt sie vor sich hin. Gesandte aller Geschlechter und Lebensalter, die ihre Harfen Längst an die Weiden der weinenden Wasser Babels auf* gehängt, suchen ihre regungslose Kälte und Härte durch ihre Tränen zu erwärmen und zu erweichen, sie aber bleibt kühl und unbewegt wie ihr Welt* bauherr: Adonai. Millionen schmerzdurchschütterter Büßerhände umkrampften sie schon wie eine über* große weiße Totentafel, wie ihre eigenen, einander gereihten, künftigen Gräbersteine. Die Sklaven der Jahrhunderte, Tage und Nächte, umknieen sie inbrunstvoll, und Hiobs krähenumkrächzter Geist umflackert sie abendlich gespenstisch. Ihre Runen* Schönheit suchen viele wandernde Menschenruinen. Wie eine steinerne Wehr schließt sie in steilem Trotz die Welt der Wehmut Israels gegen die Hoch* fluten heidnischer Wonnen ab, bis sie, von Judas Tränenströmen zu einer Zisterne ausgehöhlt, einmal niedersinkt... eine Zisterne für die Zähren Ahasvers. * « * DIE MENORAH. Hinter seinem gold* und saphirbestickten Samt* Vorhang, durch dessen Spalt der Hohepriester nur einmal im Jahre sein Festgewand ins Allerheiligste hineinrauschen läßt, streckt er auf der Teppichseide eines Altars seine sieben silbernen Finger sehn* süchtig in die Weite, als wollte er alle weltverwehten Kinder Israels wieder unter dem Baldachin eines gemeinsamen Tempeldachs sammeln und sie wieder väterlich in seine Arme schließen. In seinen Händen sprühende Kerzen, flammt er wie ein Strahlenbaum auf, der seine Lichter gLeich Sendboten durch die gläserbunten Sterne der Tempelfenster zu fernen Zedernwäldern und Fichtenforsten ausschickt, um die verlorenen Söhne und Töchter Jehovas zu suchen. Aber wenn seine glühenden Herolde jene nicht finden können, schluchzen sie heiße Zähren her* nieder, und diese wächsernen Tränen schmücken mit ihrem weißen Tropfenwall seinen Saum. Manch* mal im Abendschatten träumt er alle Stämme Israels um seinen silbernen Stamm hingelagert; dann glänzt sein Antlitz in siebenfacher Seligkeit auf, und seine silbernen Arme umschließen alle in seinen Traum heimgekehrten Söhne und Töchter Jehovas Ln ihren siebenfachen Ringen. * * DAS HOHELIED. Badet, o Jünglinge und Jungfrauen, Eure Ge* wänder im Wein und salbt Eure Füße mit Mandel* öl und Rosensaft! Denn Jehovas Szepterträger und Liederfürst, Messias, naht im Mantel der Morgen* röte von seiner Zinne und Veste der Aether und Aeonen. Die Saiten seiner Lautenspiele sind ihm hymnische Treppen, die ihn auf seinem Gange herrlich lobpreisen: Zerbrecht Pfeil und Bogen und die Schleudern Eurer Hände, denn der Wurf und die Spannkraft seiner Worte reicht weiter als alles, was die Lüfte durchschwirrt, als Turmfalk und Schwalbe, Geier und Taube, und seine Sprache kann oft schärfer aufklirren als das Erz eines Krieger* Schildes. Alles Gold und Silber der Tempelgeräte schimmert oft eingeschmolzen in dem Glänze seiner Stimme und mit der Lauterkeit seines Gesanges wetteifern die klingenden Kristalle der Ströme. Was ist ein Weinberg? Er grünt im Lenz, er breitet sich gleich einem goldenen Fächer im Sommer, er brennt im Herbst zur Winzerwonne im Feuer seiner Reben, er überwintert unter Schneegewölk, und Maiengrün und Schal meienlaut wecken ihn zu neuem Leben. Was ist ein Wipfel? Ein in erstarrter Wanderleidenschaft angewurzelter Ahasver. Du aber, ewiger Frühling, Sommer, Herbst und Winter unsrer Gefühle, wandelst von Ring zu Ring der Monde mit ungeminderter Kraft, du prangst durch alle Jahreszeiten in gleicher Pracht und Fülle. Die Gesänge der Vögel versammeln sich in deinen Psalmen, und deine Weisen wiegen sich bald weich wie Sänften, bald rollen sie wie die Räder deines Siegeswagens dahin. Deine Dichter sind nur Wil* derer im Hochwald deiner Gedanken und Gefühle. Ohne Zuversicht zu dir schleppt kein Schiffer seine Frachten durch die Salzflut der Meere; du, o Durch* forscher der Höhen, bist ihm zugleich Lot und Senkblei der Tiefen, sein unerschütterlicher Grund und fester Anker. Wie im dunklen Schacht dem Bergmann funkelst du uns in der Nacht der Finsternisse als Lampe der Erleuchtung, als Licht des ewigen Lebens. Du schreitest den Verirrten als Feuersäule in fürstlicher Führerschaft voran. Alle Karawanen suchen dich, und der steile Rauch aus ihrem Zeltlager strebt beglückt zu dir. Jede Hütte wandelt sich dir zum. Tempel, jedes Haus zu einer Friedenswelt, jede Jerichorose duftet deinen Atem, und jedes Herz wird dein jubelndes Jerusalem. * « * DAS BRAUTZELT. Ueber ihren Eckpfeilern, den Zedernholzsäulen, spannt sich ihr Himmel, gewoben aus karmesin* farbenem Garn und Byssus, unter dessen Rundung schon zahllose Bräute mit ihren Geliebten die Ehe* ringe tauschten und aus den Tempelpökalen die Weine paradiesischer Verheißungen schlürften. Trägt sie nicht selbst in ihrem Baldachin ein Brautgewand, und läßt sie ihre Schönheit nicht willig von den Tonwellen durcheinander wogender Lautehspiele

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