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Ost und West · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1919) · p. Seite 65 - 66

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1919)
Article
Philos tragisches Schicksal
Date
1919-03-01
Page
Seite 65 - 66 (sequence 3)
Language
German
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65 Die hebräische Sprache und das jüdische Volk. 66 keit zu erkämpfen vermochte, eine Sprache, die nie über ihren ethnischen Bereich hinauszugehen vermochte, im eigenen Lande immer mehr an Boden verLor und sich in das Innere der Heiligtümer und Lelirhäuser flüchtete, um selbst da ein nicht ganz unangefochtenes Dasein zu führen. Hier beschäftigte man sich mit den höchsten Problemen und letzten Fragen des Menschengeistes, dort zerbrach man sich den Kopf über kleinliche Fragen des Alltags, über Ritualien und Gesetzesprobleme, über Deutungen schwieriger oder unverstandener Verse alter Sclirifturkunden, erzählte sich Märchen, Legenden, Gleichnisse und Fabeln.. Von der 'großen Welt und deren mächtigein, Getiöse drang kaum ein gebrochener Widerhall dorthin. Wenn, ein alexandrinischcr Jude in dem philonischen. Zeitalter sich die Frage vorlegte, wer für die Ewigkeit arbeitete, »er oder seine bescheidenen palästinischen Brüder, so drängte sich ihm die Antwort von selber auf. Aber die Weltgeschichte hat anders entschieden. Etwa hundert Jahre nach dem Tode Philos erstarb allgemach jedes Geistesleben in den ehemals so blühenden jüdischen. Gemeinden der griechischen Diaspora, die zahlreichen Schriften der Hellenisten, in, denen ein ungemessener Reichtum, von Kraft und Geist aufgespeichert war, gerieten in Vergessenheit, die einst so berühmten Namen ihrer Urheber erloschen aus dem Gedächtnis der Menschen. Daß zahlreiche Fragmente sich erhalten haben2), darunter die Schriften Philos, ist nur einem glücklichen. Mißverständnis zu danken. Die Kirchenväter entdeckten nämlich in ihnen eine Fundgrube von Argumenten im Kampfe gegen heidnisch-philosophische und ketzerische Schriftsteller, -der „Logos" des Philo wurde ihnen zum Gottessohn der Evangelien, sie schmückten ihre Predigten und Abhandlungen mit schimmernden Zitaten und Belegen aus seinen Werken, am Ende erblickten sie in ihm und seinen Mit streben den überhaupt keine Juden, sondern wirkliche oder verkappte Christen. Eusebius und Hieronymus gaben ihn für einen Schüler Petri aus. (Noch im 17, Jahrhundert fand übrigens Hugo Grotius, daß Philo die — Dreifaltigkeit bekannte, andere erklärten ihn für einen Arianer.) Als das Griechische aufhörte, Weltsprache zu sein, blieben Bruchstücke seiner Bücher dem Abendlande nur in schlechten lateinischen Uebersetzungen mit derben Interpolationen und Entstellungen im christlichen Sinne bekannt. Erst seit dem 18. Jahrhundert besitzen, wir seine Originalwerke in sorgfältigeren Ausgaben, ein Sondergebiet für ein kleines Häuflein 2) Von den Apokryphen und Pseudoepigraphen braucht in diesem Zusammenhange nicht die Rede zu sein, von Philologen und Theologen, die sich über ihn und seine Genossen herumstreiten und an ihnen herumschnüffeln, gar nicht um ihretwillen selber, sondern weil man in ihnen Bahnbrecher und Vorläufer des Christentums erblickte; je nachdem -der betreffende Forscher dem Christentum freundlich oder feindlich gegenübersteht, verhimmelt oder verwirft er den jüdischen Alexandrinismus und seinen vornehmsten Vertreter, Philo. Erst in der allerneuesten Zeit erbarmte man sich seiner gewissermaßen and wandte seiner Persönlichkeit und seiner Zeit objektive Aufmerksamkeit zu. Für einen weiten. Kreis lebendiger Menschen, eines organisch zusammenhängendes Volkes ist er seit fast 2000 Jahren völlig tot. Bis zu Asarja de'i T<os:i (1511—1578) ist der Name Philos in keinem jüdischen Buch erwähnt worden. Sein Mund war verstummt, keiner lauschte seiner Stimme. Er war verscholLen und vergessen, als hätte er nie gelebt. Es gab keinen, der sich zu ihm bekannte. Keiner liebte und verehrte ihn. Er war obdachlos. Kann man sich für einen tiefen Denker und genialen Schriftsteller ein tragischeres Schicksal ausmalen? Er glich einem reichen Manne, der Zeit seines Lebens unermeßliche Schätze aufhäuft, aber keine Erben hinterläßt, die sich an ihnen erfreuen, sie dankbar genießen und getreulich behüten. Einer Pflanze glich er, die weite Aeste schlägt und prächtige Blüten treibt, aber vergißt, in ein, festes Erdreich Wurzeln einzulassen. Die palästinensischen Halachisten und Aggadisten dagegen hinterließen Schöpfungen von unverwüstlicher Lebenskraft, die von 60 oder 70 Generationen ihrer Nachfahren in der ganzen weiten Welt bis auf den heutigen Tag mit treuer Liebe und Verehrung gehegt wurden, als ihr kostbarster Schatz, als die Quelle, aus der sie Verjüngung tranken. Bis zu den höchsten geistigen Höhen hinauf und bis zu den. tiefsten Niederungen hinab reichte ihre lebenspendende Wirkung. Die Aermsten gaben ihre letzten Pfennige her, um Schulen und Akademien zu errichten, in denen Halacha und Aggada gelehrt wurden. Als man im Mittelalter den Juden diese Bücher wegnahm und verbrannte, ging ein Wehklagen durch das ganze Volk, man fastete und trauerte in Sack und Asche. Hätte sich ein Finger gerührt, wenn es der Inquisition eingefallen wäre, Philos Schriften dem Scheiterhaufen zu überliefern? Und doch schrieben Philo und seine Freunde nicht in dem absterbenden Idiom eines kleinen, armen, getretenen Völkchens, sondern in der stolzen, glorreichen, weltbehcrrschenden griechischen Sprache. Die palästinensischen Halachisten und Aggadisten dagegen schrieben nur — Hebräisch.

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