Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1919) · p. Seite 63 - 64

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1919)
Article
Philos tragisches Schicksal
Date
1919-03-01
Page
Seite 63 - 64 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2584087-2584089-2607637--17387-2607679
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

63 Die hebräische Sprache und das jüdische Volk. In seiner religiösen Weltanschauung und ethischen Gesinnung fühlte er sich durch und durch als Jude, innigst verbunden mit dem ganzen jüdischen Volk, mit seiner Vergangenheit und seinen Hoffnungen auf eine herrliche Zukunft. Die Juden sind ihm das auserwählte Volk Gottes, von wahrem Adel, denn sie entstammen den Patriarchen, „diesen tugendhaftesten unter den Menschen", zu deren Verherrlichung er besonders die Biographien Abrahams und Mosis schreibt. Die Gesetze der Thora sind ihm die besten in der Welt.' Er scheut kein Opfer, um die Lage seiner Stammes- und Glaubensgenossen zu verbessern. Er hängt mit ganzer Seele an dem heiligen Lande und dem Tempel zu Jerusalem (wie übrigens alle Juden der Diaspora), verfolgt mit innigster Teilnahme dessen politische Schicksale. Er beobachtet mit gewissenhafter Strenge die jüdischen Zeremonialgesetze, und wir sehen ihn, mit dem Silberkörbchen auf dem Arm, das Frühjahrsfruchtopfer im Heiligtum auf Morijah darbringen; er verteidigt das „Gesetz" gegen jene, die es durch dialektische Künste in ein System nichtiger Symbole aufzulösen und zu verflüchtigen drohen. Zugleich ist er seiner Bildung nach durch und durch Hellene. Unter allen Vertretern des jüdischen Hellenismus war keiner gleich ihm mit griechischer Weisheit gesättigt. Jüdisches und Griechisches waren in seinem Bewußtsein zu einer solchen Harmonisierung und Verschmelzung gelangt, daß beide ihm identisch erschienen und er überzeugt war, daß jene Lehren der griechischen Philosophie, die eine Verwandtschaft mit den jüdischen aufwiesen und ihm deshalb als die dauernden und wertvollsten erschienen, aus der Bibel abzuleiten waren. Diesem Nachweis ist ein großer Teil seiner reichen schriftstellerischen Arbeit gewidmet. Und gleich wie er vor der hellenischen Welt die Lehren des Judentums in ihrer ganzen Tiefe zu entwickeln bemüht war, so vermittelte er seinen griechisch redenden Glaubensgenossen die philosophische Bildung der Griechen und lehrte sie, als Kulturmenschen Juden zu sein, für die Ausbreitung der universalen Elemente des Judentums zu kämpfen und ihnen die Welt zu erobern — und zugleich als Juden Kulturmenschen zu sein. Und dennoch haftete .dieser ganzen großartigen und folgenreichen Tätigkeit ein innerer Mangel an, der ihr und ihren Urhebern zum geschichtlichen Verhängnis wurde. Das war die Ver; nachlässigung der hebräischen Sprache als literarischen Ausdrucksmittels. So innig Philo sich mit dem Judentum verwachsen fühlte, dem Hebräischen entfremdete er sich, wie das ganze westliche Diaspora-Judentum, immer mehr. Daß er das Griechische „unsere Umgangssprache" (V) fyiETifpot 5itf/e%To«) nennt, ist nur natürlich und entspricht völlig den Tatsachen; ebenso natürlich ist es, daß er einmal schreibt: „Die Hebräer nennen den Ort Phanuel, wir aber sagen Abwendung Gottes" (fo (j^, 'Eßpafoi Ujawi <IWj7]X, d>? lh %eT? änooTpocp)] Seob). Damit ist keineswegs ein Gegensatz zwischen ihm und den „Hebräern" ausgedrückt. Aehnlich würde sich auch ein arabisch schreibender Jude, etwa Jehuda Halewi oder Maimuni, geäußert haben, wenn er auf die sprachlichenVerwandtschaften oder Verschiedenheiten zwischen dem Hebräischen und Arabischen hinwies1). Allein, ebensowenig wie Jehuda Halewi und Maimuni, obgleich das Arabische ihre Muttersprache war, darüber das Hebräische vernachlässigten, sondern im Gegenteil es hegten und pflegten, in ihm die besten Erzeugnisse ihrer Epoche den fernsten Generationen ihres Volkes vererbten, seine Führer und Lenker durch das Dunkel der Zeiten geworden sind — ebensowenig hätten die alexandrinischen Juden über der Sprache Piatos die des Moses und Jesajas in Vergessenheit geraten lassen und aus dem literarischen Gebrauch ausschalten sollen; zumal sie in ihrer alten Heimat als Literatursprache in voller Blüte stand und herrliche Früchte trieb, wie einzelne der schönsten Psalmen, Teile der „Sprüche Salomonis", das Hohe Lied, KoheLeth, und noch später die Sprüche des Ben Sira, die sogar ins Griechische übersetzt wurden, obgleich sie nicht zum biblischen Kanon gehörten. Daß die alexandrinischen Juden das nicht getan, ist ihnen, und besonders ihrem vornehmsten Repräsentanten Philo, zum Verhängnis geworden. Wenn ein alexandrinischer Jude im Zeitalter Philos von den literarischen Bestrebungen seiner Glaubensgenossen in Palästina Notiz nahm, wo damals die halachischen Midraschim, die Mischnah und Aggada entstand, so mochten ihm diese ungefähr so erscheinen wie einem Berliner Juden aus dem Kreise Raheis und Heines die literarischen Bemühungen der Jeschibah - Jünger und der Maskilim in Galizien und Litauen. Auf der einen Seite der Reichtum und die Fülle der höchsten damals bekannten Kultur, der geistige Verkehr mit den erlesensten Führern der Menschheit in Philosophie und Dichtkunst, eine herrliche, weltbeherrschende Sprache, der sich alles ohne Zwang unterwarf, das in ihren Bereich geriet. Auf der anderen Seite Menschen von sehr begrenzten Interessen und engem Gesichtskreis, in einem kleinen, armen, von Parteihader zerrissenen Lande, das mit größter Kraftanstrengung sich von Zeit zu Zeit einen Schein politischer Selbständig-!) „Wir nennen das Instrument Al'mazla, die Hebräer nennen es dagegen Mikzoa", sagt einmal' tausend Jahre später der geniale Sprachforscher Jona ibn G'anach (Cordova) in seinem WurzelWörterbuch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.