Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1919)
- Article
- Die hebräische Sprache und das jüdische Volk
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 61 - 62 (sequence 3)
- Language
- German
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61 Die hebräische Sprache und das jüdische Volk. 62 unterirdischer Bach, befruchtet still Triften und Auen, Saatfelder und Obstgärten, und an manchen Stellen seines Laufs springt es an die Oberfläche, erglänzt im Sonnenschein und bietet ganzen Generationen Erquichung und Labung. Das erstere bietet dem Schriftsteller die Möglichkeit breiten Erfolges und weithin hallenden Ruhmes; das andere die Möglichkeit, in die tiefsten Tiefen der Zeiten hinabreichender, unmittelbarer Wirkung und echter Unsterblichkeit. Das erfordert freilich den Verzicht auf vieles Angenehme, welches entzückt und berauscht . . . Dieses andere Leben ist das Erbteil der hebräischen Sprache! PH1LOS TRAOISC Etwa dreihundert Jahre vor dem Zusammenbruch des jüdischen Staatswesens begann jene Bewegung, die einen großen Teil des jüdischen Volkes aus dem Lande der Väter in die Diaspora; besonders nach den griechischen Mittelmcerkolonien, führte. Die gebietende Machtstellung des Griechentums, dei unvergleichliche Glanz und Reichtum der materiellen und geistigen hellenischen Kultur absorbierten allmählich alle Völkerschaften des nahen Orients bis an die Grenzen Persiens und Indiens, ihre Staaten zerfielen, ihr Volkstum löste sieh auf, sie verschwanden langsam von der Bildfläche. Die Juden allein trotzten diesem Zersetzungsprozeß. Die hebräische Sprache konnten sie freilich vor dem Verschwinden aus dem Volksmunde nicht retten; war sie doch sogar im Heimatlande der syrisch-aramäischen gewichen, obgleich diese ihr an Klangfülle, AusdrucksfähigkeLt und Biegsamkeit weit unterlegen war. Mit dem Griechischen vollends konnte das Hebräische als gesprochene Sprache in keinen Wettbewerb treten, in allen Dingen war das Griechentum den Juden überlegen: in Politik und Wirtschaft, in Wissenschaft und Kunst, vom militärischen und kolonisatorischen Organisationstalent ganz zu schweigen. Nur in einem Punkte fühlten die Juden mittel* unter den Griechen sich dem herrschenden Volke weit überlegen: in der Religion. Je mehr sie sich von der hellenischen Kultur als Gesamterscheinung angezogen fühlten, desto mehr fühlten sie sich von der griechischen Religion und der durch sie bestimmten Volksethik abgestoßen. Und je mehr die besten Köpfe unter ihnen sich in die griechische Philosophie vertieften, desto mehr wurde ihnen klar, welche tiefe Kluft zwischen dem griechischen Denken und der griechischen religiösen Ueberlieferung und Praxis klaffte. Dieser Widerspruch hatte ja einige der größten unter den griechischen Denkern als Religionsleugncr und Göttervcrächter auf die Anklagebank geführt. Die große Verwandtschaft zwischen vieLen Ergebnissen der griechischen Philosophie und den Lehren, des Judentums konnte den Juden für die Dauer nicht verborgen bleiben. Sie wurden sich immer mehr bewußt, daß da.s konstitutive Element ihres Volkstums, sein, hauptsächliches, alles andere beherrschende Merkmal, 1ES SCHICKSAL. ihre Religion war, daß diese ihre Religion einen so hohen Wert darstellte, daß er innerhalb der gesamten Kulturwerte des Hellenismus seinen ebenbürtigen, ja überlegenen Rang behaupten konnte. Man durfte, ja man mußte sich die gesamte griechische Kultur innerlich zu eigen machen und konnte dabei den höchsten Wert des jüdischen Volkserbes unversehrt erhalten, ja seine Kraft noch steigern, indem man sie mit den kostbarsten Ergebnissen des hellenischen Denkens vermählte. Das war ihnen ein unzerstörbarer Kern, ein unverlierbares Gut, das ihr jüdisches Volkstum innerhalb der machtvollen Flut hellenischer Hochkultur vor dem Untergang schützte und seiner Eigenart ewigen Bestand sicherte. Allein der fortwährend sich aufdrängende Vergleich zwischen der jüdischen und heidnischen Religion brachte diesen griechischem Juden die Ueberzeugung bei, daß ihre Religion berufen war, die ganze Heidenwelt zu läutern, ja das Heidentum zu überwinden und so die ganze ihnen, bekannte Kulturmenschheit auf eine höhere Stufe zu erheben. Die Verheißungen der Propheten gewannen für sie eine neue, unmittelbare, aktuelle Bedeutung. Sie wurden ihnen zur Aufgabe, zur Mission. Sie fühlten sich angetrieben, die Hellenen, diese Träger einer so hohen und edlen Geisteskultur, für die jüdische Religion zu gewinnen. Aus 'diesem Bewußtsein entstand die großartige Propagandabewegung, als deren Höhe der Jüdische Alexandrinisrnus anzusehen ist. Er ist der erste machtvolle Versuch, die Lehre Mosis und 'der Propheten zu einer Universalreligion auszugestalten und eine umfassende Synthese zwischen Judentum und hellenischer Kultur für die hellenische Welt zu schaffen. Als der Gipfel dieser ganzen Bewegung steht heute vor uns Philo von Alexandrien. Eine merkwürdige Persönlichkeit, eine der vornehmsten und edelsten, die dem jüdischen Stamm entsprossen sind. Er vereinigte in sich die besten Eigenschaften der jüdischen Rasse und war durchtränkt mit dem edelsten Safte griechischer Bildung, blieb aber unberührt von den Auswüchsen und der Verderbtheit der heidnischen Dccadence.