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Ost und West · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1919) · p. Seite 59 - 60

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1919)
Article
Die hebräische Sprache und das jüdische Volk
Date
1919-03-01
Page
Seite 59 - 60 (sequence 2)
Language
German
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59 Dk hebräische Sprache und das jüdische Volk, 60 im alltäglichen Gebrauch zu bedienen, so würden wir heutzutage die- Bibel ebensowenig verstehen, wie etwa ein heutiger Deutscher den Ulfilas oder die Edda. (Sogar das Nibelungenlied und Walther von der Vogelweide müssen ja einem heutigen Deutschen erst übersetzt werden, wie die Dichtungen in. einer völlig fremden Sprache.) Ein spanischer Jude würde im 13. Jahrhundert die literarischen Erzeugnisse eines babylonischen, ägyptischen oder nordfranzösischen ebensowenig zu lesen imstande gewesen sein wie ein Schwede die eines Tirolers, ein Rumäne die eines Portugiesen, ein Holländer die eines Schweizers. Vor einigen Jahren, sind in sorgfältiger hebräischer Transskription Texte des heutigen. Aramäisch veröffentlicht worden, das in. manchen Gegenden des Orients von den Juden seit der Zeit Esras und Nechemias gesprochen wird. Selbst wer im biblischen und talmudischen. Aramäisch und in dem des Sohar sich sehr gut zurechtfindet, versteht kein Wort aus den besagten Texten. Im Neugriechischen hat man nahezu 70 Dialekte gezählt. Dem, dessen Muttersprache einer dieser Dialekte ist, wird der Zugang zu Homer, Aeschylos oder Plato dadurch wahrlich nicht erleichtert. Wir Juden aber bedürfen nicht einer Uebersetzung der Bibel ins Neuhebniische, und die Mischnak oder Jcliuda Halevi und Salomon Gabirol sind uns sprachlich ebenso nahe, wie wenn sie heute unter uns lebten. Raschi war ein. Zeitgenosse der Dichter des Roland und der Vie d'Alexis. In. seinen Kommentaren findet sich eine große Anzahl von altfnmzösischen Wörtern in hebräischer Urschrift Als Arsene Darmestcter diesem kostbaren Sprachst eine ernsthafte wissenschaftliche Aufmerksamkeit angedeihen ließ, gerieten die französischen Sprachforscher geradezu in Entzücken über diese ungemein wertvolle Bereicherung ihres Forschungsniiiterials. "Die französische Regierung betraute Durmesteter mit einer wissenschaftlichen Mission nach England und Italien, damit er in, den dortigen Bibliotheken die alten Raschi- und Thosaphot- Manuskripte nach -den richtigen Lesarten dieser altfranzösischen Zitate durchforschte; eine wahre Fundgrube hatte tich für das Verständnis des Altfranzösischen erschlossen. Die meisten dieser Wörter waren verloren gegangen und ausgestorben, weder in Literaturdenkmälern noch im Volksmimde mehr aufzufinden, und ihre genaue Bedeutung konnte nur auf Grund des danebenstehenden hebräischen Textes erschlossen werden. Das war eine schwierige und emsige philologische Kleinarbeit, die der geniale Gelehrte in seinem kurzen Leben nicht zum Abschluß bringen konnte. Wie aber verhält es sicli mit Raschi selber? Das war wohl seit siebeno<Ler achthundert Jahren bis auf die neueste Zeit der populärste und meistgelesene Autor der Welt, dessen eigentlicher Name über seinem Werke in Vergessenheit geriet. Die auf den höchsten Höhen, der Gelehrsamkeit wandelten, zogen ihn unaufhörlich zu Rate, gleich wie die kleinen Schuljungen an seiner Hand die ersten Schritte in das Reich des Wissens -unternahmen. Er war der Erzieher und Begleiter von mehr als zwanzig Geschlechtern seines Volkes. Er erklärt allen alles, aber kein Mensch braucht eine Erklärung zu seiner Sprache und zu seinem Stil. Er ist uns heute auf der ganzen Welt so vertraut und lieb wie einst seinen Mitlebenden in seiner eigenen Heimat. In. seinem Volke war bis in unsere Zeit hinein keiner so geistesarm, daß er nicht von ihm irgendeine tiefe Anregung oder Belehrung erhalten hätte. Das erste gedruckte Buch in hebräischer Sprache war sein Kommentar zur Bibel (Reggio, 1475). Wenn also irgendein Schriftsteller scinc Kraft nutzbringend verwendet und eine fast grenzenlose, in. die Tiefe wie in die Breite gehende Wirkung geübt hat und sieben, oder acht Jahrhunderte lebendig geblieben, ist, so war es Raschi. "Und doch war er nur ein bescheidener Kommentator Und wenn er, dessen Umgangssprache das Französische des 11. Jahrhunderts war, dieses stolze Idiom mit dem nur im engen. Kreise seiner wenigen, verachteten und verfolgten Glaubensgenossen verstandenen Hebräischen verglich, mußte er sich sagen, daß letzteres eine „tote1* Sprache war. * Derselbe Arsene Darmcstetcr publizierte aus der vatikanischen Bibliothek zwei handschriftliche hebräische Elegien auf die Opfer des Autodafe von Troyes 1288 mit danebenstehender altfranzösischer Uebersetzung in hebräischer Schrift. Das war nicht nur sprachlich, sondern auch literarisch ein äußerst glücklicher Fund. Die beiden Elegien sind nämlich die ältesten. Denkmäler dieser Gattung in französischer Sprache, und eine von ihnen nennt Anatole Leroy-Beaulicu die schönste und rührendste, die je in französischer Sprache abgefaßt worden ist. Der altfranzösische Text wurde mittels eines scharfsinnigen Systems in die lateinische Schrift transkribiert, dann entziffert, und restituiert und ins spätere, schließlich ins moderne Französisch übersetzt. Die hebräische Urschrift aber lesen wir heute ebenso leicht, wie das erstbeste liturgische Gedicht in unserem Machsor. Es gibt also, wie man sieht, offenbar ein zwiefaches Leben der Sprache. Das eine ist zeitlich, das andere ist ewig. Ersteres ist gewiß das geräuschvollere und glänzendere, ergießt sich wie ein breiter Strom, schlägt mächtige, schimmernde Wellen, wirbelt viel Schaum auf, aber es versickert bald und erstirbt; das andere ist unscheinbar und verborgen, fließt dahin wie ein

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