Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1919)
- Article
- Ein Trostblättchen von Joseph Budko
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 39 - 40 (sequence 2)
- Language
- German
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3g Zur Geschichte und Psychologie des Gebetes. 40 Seelenstimmungen von. besonderer Bedeutung wäre. Man sieht sich vergeblich um nach dem Meister, dessen Pinsel oder Griffel den wilden Kampf oder das stille Dulden in packender Form dargestellt oder der es verstanden hätte, seine Kunst zum Apostel des Trostes und der Versöhnung zu erheben. Ein kleiner Holzschnitt jedoch, der an die längst vergessene Tradition der eingangs erwähnten Trost* blättchen anknüpft, verdient besondere Beachtung, da sich in ihm der Niederschlag unserer Gefühle zu einem Kunstwerke von bleibendem Werte kristallisiert. „Höre auf zu weinen; deine Augen sollen keine Tränen mehr vergießen; denn es gibt einen Lohn für dein Tun; spricht Gott. Deine Kinder kehren zurück aus Feindesland. Erfüllung winkt Deiner Hoffnung, spricht Gott. Deine Kinder kehren in die Heimat zurück." Die Worte des Jeremias (31, 16/17), die der Künstler in archaisierenden Schriftzügen unter das Bildchen gesetzt hat, sind es, die dem Munde des dargestellten Greises, der erhabenen, ruhigen, milden und versöhnenden Piophetenfigur, entquellen, da er sich tröstend zu einer am Boden niedergesunkenen Frauengestalt neigt und seine Rechte begütigend auf ihr Haupt legt. Eingehüllt in Schmerz und Trauer bedeckt das Weib sein tränenbenäßtes Ge* sieht mit den Händen; schluchzend ist es in der Einöde zusammengebrochen, da es seine Kräfte verlassen, Wilde Flammen schlagen im Hinter* gründe gen Himmel und versinnbildlichen den Weltenbrand, durch den als einsamer Tröster der Prophet im schlichten Gewände des Pilgers wandert, um die Wunden zu heilen und die Herzen wieder aufzurichten. Dieses' Trostblättchen, ein Werk des den Lesern dieses Blattes durch seine vorzüglichen Haggadahillustfationen bekannten Joseph Budko, ist sowohl dem Inhalte wie der Form nach eine künstlerische Leistung, die uns wiederum den deutlichen Beweis erbringt, daß der junge Künstler sich immer mehr zu einem sehr beachtenswerten Graphiker entwickelt, dem es gelingt, die aus alten Quellen fließenden Anregungen in die moderne Kunstsprache umzuwerten und in seinen tief empfundenen und ergreifenden Darstellungen zu verwerten. Es ist dies kein Eklektizimus, sondern ein Anknüpfen an die gute alte Tradition, ein Um* münzen, wobei der Künstler durchaus nicht seine Selbständigkeit einbüßt, vielmehr sich —■ was Budko schon zu wiederholten Malen bewiesen hat — als ein Erneuerer und Fortfuhrer erweist. ZUR GESCHICHTE UND PSYCHOLOGIE DES GEBETES. Von Dr. H. Warschauer. Ucber den jüdischen Gottesdienst besitzen wir bereits ein monumentales Werk in Ismar Elbogens : „Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung", ein Werk, welches sich rühmlich neben die besten grundlegenden Arbeiten auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums in den letzten hundert Jahren stellen darf, seinem vollen Werte nach aber noch keineswegs gewürdigt wurde und in christlichen Kreisen ungleich mehr Leser gefunden hat als in jüdischen. Ueber das jüdische Gebet, seine historische Entwicklung und seine psychologischen Motive, die im Verlaufe der mehr als dreitausendjährigen jüdischen Geschichte so mannigfach variierten, besitzen wir von jüdischer Seite kaum erst die Anfänge von- Untersuchungen; hier ist namentlich die schöne Studie von P e r 1 e s zu nennen: ,,Das Gebet im Judentum". Doppelt interessant ist es daher für uns, wie christliche Forscher sich zu diesem Problem stellen. Von zwei bedeutsamen Büchern, die dieses Thema behandeln, möge hier berichtet werden: „Das Gebet im Alten Testament in religionsgesehichtlicher Bedeutung" von Dr. Johannes Doli er, Professor der katholischen Theologie an der Wiener Universität (Wien 1914, Verlag der Buchhandlung „Reichspost"), und: Das Gebet, eine religionsgeschichtliche und religionspsychologische Untersuchung" von Friedrich Heiler (München 1918, Verlag von Ernst Reinhardt). Das erstgenannte Buch stellt sich ein verhältnismäßig eng umgrenztes Ziel, geht aber vielfach darüber hinaus, indem es auch die nachbiblische Zeit oftmals berührt. Der Verfasser besitzt eine genaue und allseitige Kenntnis des Alten Testaments und seiner Sprache, steht religionsgeschichtlich und philosophisch auf einem sehr hohen Standpunkte, deT ihm eine wohltuende Unbefangenheit nach allen Seiten sichert. In bezug auf die Bibelkritik läßt.er sich nicht von den verlockenden Theorien der Evolutionshypothese umgarnen. Der Verfasser, wie alle katholischen Forscher, steht dem Alten Testamente mit. ungleich größerer Ehrfurcht gegenüber als zahlreiche protestantische Theologen,' und da beim Erforschen alter, ehrwürdiger Epochen und deren Denkmäler die Ehrfurcht, insofern sie das selbständige Urteil nicht trübt, die beste Fühierin zum innigen Verständnis bildet, so gelingt es den katholischen Forschern viel häufiger, bis zum Kern der Dinge