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Ost und West · 1919-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1919) · p. Seite 11 - 12

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1919)
Article
Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft
Date
1919-01-01
Page
Seite 11 - 12 (sequence 1)
Language
German
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11 Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft. 12 JUEDISCHE VORKAEMPFER FUER DAS MENSCHENREICH DER ZUKUNFT. Von Dr. B. Fr ied berg. I. Die Religion der Völker. DER STIFTER UND SEINE WELTANSICHT. Mitte Juni 1914, also etwa sechs Wochen vor Ausbruch des Weltkrieges, führte mich eine Reise durch Ostgalizien nach der schönen blühenden Stadt Kolomea. Als ich am Vormittag nach meiner Ankunft in dem spärlich besuchten Kaffeehaus die Zeitungen las, begrüßte mich etwas stürmisch ein Herr, dessen flüchtige Bekanntschaft ich einmal gemacht hatte, und fing sogleich eine .politische Diskussion an, die mehr ein Monolog war. Er war einer der tonangebenden Lokalpolitiker und konnte mir mit größter Sachkenntnis die schwebenden weltbewegenden Fragen auseinandersetzen: den Ausgleich' zwischen Polen und Ruthenen, die Wahlreform, den bevorstehenden Umsturz im Kultusrat der jüdischen Gemeinde, 'den die von ihm ge- MALVA SCHALER Studie (Oelgeinälde) führte Partei auf breiter demokratischer Basis stellen wollte, und was dergleichen mehreres war. Immer schwungvoller wurde seine Beredsamkeit, stellenweise durchleuchtet von ironischen und satyrischen Bemerkungen an die Adresse der Gegner, ganz wie es auf großen Volksversammlungen zu geschehen pflegt:-„Eine neue Epoche unserer Geschichte beginnt, das Alte zerfällt in Staub und neues Leben blüht aus den Ruinen . . ." usw. Meine Aufmerksamkeit wurde indessen von einem5 Korb' frischer Apfelsinen abgelenkt, der sich durch die Türe hineinschlob, hängend um den Nacken eines ältlich'en, gebückten Juden. ,,BIutapfelsinen, schöne, große! Zehn Heller das Stück!" Ich winkte den Verkäufer herbei. Mein Stadtpolitiker wurde auf einmal heiter gestimmt, verneigte sich ironisch herablassend vor dein Verkäufer und rief lachend: »Ah, da ist ja unser Religionsstifter! Haben Sie etwas von Ihrer neuen Religion bei sich? Was kostet eine Portion?" — »Hier verkaufe ich nur Apfelsinen, ich habe auch Zitronen, unten im Korb," antwortete der Jude, nicht im geringsten eingeschüchtert. »Meine neue Religion habe ich nicht zu verkaufen, die bekommt jeder umsonst, der Verständnis dafür hat." — »Der Herr da hat nämlich eine neue Religion gemacht, welche die ganze Menschheit beglücken und alle Zwietracht aufheben soll," wandte sich der führende Politiker an mich. Ich betrachtete den alten Mann aufmerksam: die Aermlichkeit seiner Kleidung kontrastierte. ein wenig mit deren peinlicher Sauberkeit, die Gesichtszüge waren welk und abgehärmt, doch von jener Feinheit, die man auch in den untersten Schichten des jüdischen Volkes häufig findet. Aber alles in allem hatte er nichts von einem Religionsstifter oder Propheten an sich. Der führende Politiker empfahl sich bald, er hatte eine wichtige Sitzung des Partei Vorstandes, der er präsidieren mußte, ich versuchte den Apfelsinenhändler auszufragen. »Das ist eine weitläufige Sache," antwortete er, »jetzt habe ich keine Zeit, ich muß meinem Geschäfte nachgehen. Wenn Sie mich am Abend besuchen wollen, können wir davon sprechen. Der Herr Doktor hält mich für WIEN

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