Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1921)
- Article
- Lesser Ury zum 60. Geburtstag
- Date
- 1921-11-01
- Page
- Seite 305 - 306 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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305 Lcsser Ury zum 60. Geburtstag 306 Sie von Ihrem Reichtum immer wieder spenden konnten. Und diese Gaben, die Sie durch Ihre Werke aussäeten, sind eine Saat von unvergänglicher Wirkung. Sie haben die Genugtuung, im reifen Mannesalter, da Sie in unverminderter Kraft in das siebente Dezennium schreiten, den Segen Ihrer Arbeit zu erfahren. Sie erfahren, es täglich, wie sich die einst sehr kleine Gemeinde Ihrer Anhänger und Verehrer vergrößert, wie hoch man Ihrer Hände Werk und Ihres Geistes Offen? barungen schätct und wie das, was Sie unter Schmer* zen geboren, zum Segen und zum stolzragenden Denkmal Ihres Namens geworden. — Vor mir steht ein Strauß von Nelken, den Sie vor einigen Jahren, begeistert von dem glühenden Leuchten der frischen Blumen, mit bewundernswerter Virtuosität auf ein kleines Brettchen gemalt haben. Taufrisch, als wären sie soeben gepflückt, stehen die zarten Blumen in einer grünen Vase. So oft mein Blick auf das Bildchen fällt, genieße ich den Eindruck einer er* quickenden Blütenpracht; jedesmal ist er beglückend und befreiend und löst in mir Gefühle aus, wie es nur momentane Naturerlebnisse zu bewirken vermögen, So oft ich diese Nelken sehe, spendet Ihr Werk mir von dem Reichtum Ihrer Kunst und jedesmal gedenke ich voller Dank des Meisters, dem es vergönnt ist, so glückspendend zu wirken. Dieser nie verblühende Strauß ist das Symbol Ihres Lebenswerkes. Er wird in unverminderter Kraft weiterstrahlen, auch wenn Sie längst die Hände nicht mehr zu neuem Schaffen rühren werden. All die vielen Werke, die Sie bisher bereits in rastloser Arbeit geschaffen haben, werden in gleicher Weise fortbestehen, und dieses reiche Werk, das sich noch immer mehrt und dem Sie immer noch LESSER URY neue Früchte Ihrer Meis* terschaft hinzufügen, wird den dadurch be* glückten und innerlich bereicherten Menschen immerfort den Namen Lesser Ury verkün* den. — Wie pflegen Sie doch manchmal zu sagen? ,,So ist das Leben!" —• Ja, lieber Meister, aus dem unbekannten Lesser Ury, dem oft so un* glücklichen und einsamen Künstler, ist ein Be* glücker der Menschen geworden, der heute nicht mehr einsam ist, sondern den Unzählige verehren, unendlich viel mehr, als Sie ahnen, und die Ihren Namen feiern, nicht nur anläßlich Ihresjubeltages, sondern stets, wenn sie Ihre Werke erblicken. Glück auf denn zum neuen Jahrzehnt! Möge Straßenszene *n inm das Glück, das Sie so reichlich gespendet, zu Ihnen zurückstrahlen, damit es uns vergönnt ist, in weiteren 10 Jahren den mit dem Leben aus* gesöhnten Siebenzigjährigen in der gleichen Frische zu begrüßen, wie Sie jetzt vor uns erscheinen. Ihr Karl Schwarz. Anm. d. Red. Lesser Ury ist aus Anlaß seines 60. Geburtstages sehr gefeiert worden. Wahrend des ganzen Tages drängten sich in dem Atelier die Gratulanten, unter denen die bedeu* tendsten Künstler, Kunstschriftsteller und andere hervor* ragende Persönlichkeiten waren. Der Gesamtvorstand der Berliner Sezession überreichte eine Urkunde, durch die der Meister zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Eine Abordnung der Stfadt Berlin überbrachte im Namen des Oberbürgers meisters die Glückwünsche der Reichshauptstadt. Das in dem vorhergehenden Artikel erwähnte Werk über den Künstler ist inzwischen im Verlag von Max Perl, Berlin, erschienen und stammt aus der Feder von Adolf Donath. In den nächsten Tagen erscheint im Verlage der Neuen Kunsthandlung, Berlin, ein Bändchen über Ury als Graphiker von Lothar Brieger. Die Radierung von Hermann Struck, die wir hier ab* bilden, ist wenige Tage vor Ury's 60. Geburtstage entstanden.