Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1921)
- Article
- Lesser Ury zum 60. Geburtstag
- Date
- 1921-11-01
- Page
- Seite 303 - 304 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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303 Lesser Ury zum 60. Geburtstag 304 hinaus in die einsame Natur oder vergruben sich in ihrem Atelier, kärglich sich durchschlagend, nur das Notwendigste zum Leben beschaffend, und gingen nur in Ihrer Kunst auf, der Sie Ihre ganze Kraft liehen und so die Materie in einer Weise meisterten, wie es nur Wenigen gelingt und gerade heute, in den Zeiten des schnellen Wandels, der nervösen Hast und der unbefriedigten Überstürzung nur noch selten zu finden ist. Sie haben ein ein* sames Leben nach außen hin geführt, aber ein reiches Innenleben entwickelt; Sie haben gelernt, mit dem Herzen zu sehen und mit der Seele zu malen. Ihnen sind die Farben nicht nur Tonwerte, sondern Künder der geheimnisvollsten Äußerungen aller Erscheinungen, deren jubelnder Prophet Sie geworden. Zu einer Zeit, da unsere Kunst noch in traditionellen Bahnen befangen war und nur ganz ver* einzelt zaghafte Versuche des Fortschrittes gewagt wurden, haben Sie bereits die „Kühnheit" besessen, Werke zu schaffen, die damals kopfschüttelnd ab* gelehnt wurden, heute aber begeisterte Aufnahme finden, den Eindruck erweckend, als seien sie erst jüngst entstanden, in Wirklichkeit aber durch das Datum dokumentierend, daß sie über ein Menschenalter in der Verborgenheit Ihres Ateliers gestanden, unerkannt und unbeachtet wie ihr stiller Meister. In den letzten Jahren erst sind diese Erzeug* nisse Ihres genialen künstlerischen Schaffens an die Öffentlichkeit ge* drungen, d. h. gedrun* gen ist nicht das richtige Wort, denn alles Drän* gen und persönliche Hervortreten liegt Ihnen fern. Man hat Sie ,,ent* deckt" und schätzte sich glücklich, ein Werk Ihrer Hand zu bekommen. Denn aus Ihren Gemäl* den strömt etwas Beglük* kendes, das jeden Be* schauer froh stimmt; es ist die Seele, die sich mitteilt, das große Er* leben wahrer Kunst, das uns in ihren Bann zieht, sei es nun, daß Sie die blühende Natur in ihrer ganzen Pracht darstellen, den keimenden Frühling, den üppigen Herbst oder den müden Winter wie* LESSER URY dergeben, uns durch die Straßen der Städte geleiten, wo lustige Dämchen promenieren, Droschken und Autos dahinsausen, magischer Laternenschein auf* blitzt oder das Großstadtleben in den Kaffeehäusern in dem phantastischen Flimmern glitzernder Spiegel* Scheiben und dem wirbelnden Dunste des Zigarren* dampfes erscheint — immer ist es das Erleben, das Lebenbejahende, das uns fesselt, der tiefe, unaus* löschliche Eindruck, den nur wirklich große Kunst zu vermitteln vermag. Dieses Gefühl des Beglückenden erhöht sich noch zum Befreienden und gewaltig Packenden, wenn man vor die Monumentalgemälde tritt, in denen Sie die Gestalten der Bibel zur Darstellung gebracht haben. Diese Bilder, denen auch noch nicht die genügende Beachtung zu teil geworden ist, werden einst Gemeingut des jüdischen Volkes werden. Sie müßten in einem Nationaltempel in Jerusalem zur Aufstellung gelangen; denn dieser sinnende Jeremias, der auf der Weltkugel lagert und über den sich das unendliche Firmament spannt, ist das Symbol der vor dem unerforschlichen Walten des unaussprechlichen Gottes sich beugenden Menschheit, ist Glaube und Ergebung, ist der Ausdruck wahrer Religion, die den Erdensohn in seiner körperlichen Kleinheit mit dem Element des Humus verbindet, ihn aber auch durch die Ge* walt des geistigen Inge* niums zu der kosmischen Urkraft, die alles be* wegt und durchdringt, erhebt.. . Nur ein Mensch, der abseits vom Weltentrubel ganz seiner Individualität lebte und sich, unbeküm* mert um die äußerlichen Anfechtungen, entwik* kein konnte, konnte so tief die menschliche Seele erfassen und zu solchen Höhen der Erkenntnis emporsteigen. Das, was Sie in gewisser Weise als die Tragik Ihres Lebens bezeichnen, die Einsam* keit, die sicherlich oft schwere Stunden für Sie brachte, ist das Glück Ihres Schaffens und Wir* kens geworden. Durch die tiefe Erkenntnis der Menschen und des Men* schenschicksals wurden Sie so unendlich reich Im Kaffee an innerem Erleben, daß