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Ost und West · 1921-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1921) · p. Seite 239 - 240

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1921)
Article
Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen?
Date
1921-09-01
Page
Seite 239 - 240 (sequence 2)
Language
German
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239 einen nie gesehenen Weg zu ihrem Nest zurückfindet; wie es dem Vogel möglich' ist, unter hunderte tausend für uns gleich1 aussehenden Bäumen mit absoluter Sicherheit wieder zu dem zurückzufinden, auf dem er sein Nest bauen will, oder gebaut hat; wir verstehen nicht, wie es möglich ist, daß die Biene im Fluge all die Bilder in sich aufnimmt, die es ihr ermöglichen, den weiten Weg zu ihrem Bienenkorb wieder zurückzufinden; woher dem Storch die Kenntnis kommt, in welcher Richtung das wärmere Land liegt; durch1 welches Gefühl er im Frühjahr den Weg zu seinem Nest zurück- und das gleiche wiederfindet, das er im Herbst verlassen; wodurch1 die Zugvögel den Temperaturwechsel vorauserkennen; wie die junge Aalbrut den Weg von den tiefsten Meeresstellen in die Flüsse findet. Wir haben so wenig Verständnis für andere Oeistesart, daß wir ein Tier für klug halten, wenn es sich „abrichten" ließ — sich von seiner Geistesart ab- und der menschlichen Geistesart zurichten ließ — sich in menschlicher Weise zu bewegen. Wenn wir schon kein Verständnis für die Geistesart eines Lebewesens anderer Art haben, um wieviel weniger begreifen wir die Geistesart eines Wesens, das, wie die Gottheit, überhaupt kein Lebewesen im physischen Sinne ist. Ebensowenig wie wir mit dem Verstände eine Schöpfung aus dem Nichts begreifen können und uns bescheiden müssen, wenn wir nur ein klein wenig Verständnis für das Geschaffene haben, ebensowenig können wir uns eine Vorstellung machen von einem ruhenden Gott. Weil wir aber weder die Schöpfertätigkeit noch das Ruhen des Schöpfers mit unserem menschlichen Verstände fassen können, so hat offenbar die Darstellung der Schöpfungsgeschichte nur dann einen Sinn, wenn diese Darstellung dem menschlichen Begriffsvermögen angepaßt ist. Wenn wir uns das vergegenwärtigen, ist die Darstellung von sechs Schöpfungs- und einem Ruhetage des Schöpfers zu verstehen, die für den Menschen die vorbildliche, die „ebenbildliche" Bedeutung hat, daß er die für den Bestand des Menschengeschlechtes notwendige Arbeit so einrichten solle, daß er nach je sechs Arbeitstagen einstweilen so viel beschafft habe, daß er nun einen Tag das Schaffen aussetzen könne. Vom Menschen aus gesehen und im Rahmen des menschlichen Begriffsvermögens ausgedrückt, stellt sich: die Darstellung der Schöpfungsgeschichte, im Zusammenhang mit der Sabbatheiligung, als die Aufgabe des Menschen dar, seinem gottebenbildlichen Schöpferdrang während je sechs Tagen zu folgen, seinen Betätigungsdrang, der ja mit Beginn des siebenten Tages nicht plötzlich verschwinden kann, an diesem siebenten Tage aber in nichtschaffender Weise 240 I. BUDKO Berlin Holzschnitt aus „Der Rabbi von Bacherach'4. in andere, höhere, Geist und Seele erquickende Bahnen zu lenken, wodurch er geheiligt wird. Man braucht sich nur das Extrem vorzustellen, daß der Mensch während der ganzen 24 Stunden des siebenten Tages ausschließlich schlafen oder abwechselnd schlafen und essen würde, um sofort zu empfinden, daß mit der Arbeitsruhe allein eine Heiligung nicht zu erzielen ist. Da der Schöpfer weder als schlafend noch als genießend gedacht werden kann, so kann die als vorbildlich1 hingestellte Sabbatruhe des Schöpfers nur sinnbildlich aufgefaßt werden, nämlich als Appell an den Menschen, diesen Tag so zu verbringen, daß er nach menschlichen Begriffen eine Heiligung darstellt. Diesen Gedanken sinngemäß auf die Festtage angewandt ist „wesamachta beschagescha", die Aufforderung, die Festtage so zu gestalten, daß der Mensch: sich an ihrer Feier zu erfreuen vermöge. Aus dem Nichts ist das nicht zu erreichen. Es gehören dazu in erster Linie auf das Ziel abgestellte Veranstaltungen. Bei den meisten Menschen und den meisten Berufsarten — genügt die Ausübung des „Tagewerkes", um das Betätigungsbedürfnis des menschlichen Geistes zu befriedigen, genügt deswegen, weil das Planen und Ausführen seines Tagewerkes seinen Geist genügend in Anspruch nimmt. Das ist natürlich um so mehr der Fall, je weniger ei n - Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen

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