Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1921)
- Article
- Der beginnende Aufbau
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 129 - 130 (sequence 7)
- Language
- German
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129 Der beginnende Aufbau 130 das den Verwalter in der Arbeit unterstützt und für die Arbeitsdisziplin sorgt. Im vergangenen Sommer wurde in Wilna eine Ausstellung der dortigen 15 Schulgärten veranstaltet. Zahlreiche Ausstellungsprodukte, Tabellen und Diagramme erzählten von einer großen schönen Arbeit, die die IWiilnaer jüdischen Volksschulen mit Hilfe der „ORT" geleistet haben. Große Photographien zeigen die Kinder während der Arbeit in ihren schön gepflegten Gärten. Die Ausstellungswoche gestaltete sich zu einem großen Kinderfeste, das auch Erwachsene mit sich riß. Wer den finsteren „Cheder" noch im Gedächtnis hat und sich an dessen Zöglinge erinnert, jene elenden, vor der Zeit altgewordenen kleinen „Jüdchen", die zwar von dem Adler wußten, auf dessen Flügeln einst die Kinder Israels getragen werden, aber kein Auge hatten für die kleinen Vögel, die über ihren Köpfen zwitscherten, sich in Aram-Naharaim, Kanaan, Mizraim, Schuschan-Habirah und in den weiten Wüsten auskannten, nicht aber in dem Feld, das hinter dem Städtchen grünte, dem Felde, zu dem sie keinen Zutritt hatten, — wer sich an all dies erinnert, wird erst imstande sein, die Bedeutung dieser Arbeit für die jüdischen Kinder richtig einzuschätzen. * * Die Gesellschaft zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den russischen Juden hat bereits eine längere Geschichte hinter sich, welche mit der Entwicklung des russischen Judentums für die Dauer der letzten 50 Jahre in engem Zusammenhange steht i Ihre Entstehung weist auf eine jetzt bereits überwundene, aber an sich fruchtbare Epoche, auf die der Haskaläh, zurück. Bei all der berechtigten Kritik, die wir an dem ideologischen Gehalt und an den praktischen Handlungen dieser Aufklärungsperiode üben, müssen wir doch andererseits zugeben, daß aus ihrem Schöße viele jener Losungen erzeugt und von ihren Vertretern viele jener Ideen verbreitet worden sind, welche während langer Jahre die vom Mittelalter erwachte jüdische Welt befruchtet haben. Politische Gleichberechtigung, Völkerverbrüderung, Kampf gegen die bodenlosen jüdischen Wirtschaftsformen, gegen die Verachtung der werktätigen Arbeit, das Streben zu weltlicher Kultur, das Ideal von der jüdischen Bauernschaft — von all' diesen Bestrebungen war die russische Haskalah getragen. Wahr ist es allerdings, daß diese Ideen sich erst von den Absichten, die ihre Urheber in sie 'hineingelegt hatten, loslösen mußten, um in die Volksmassen eindringen zu können; wahr ist es — und das beansprucht ein Kapitel für sich — daß diese Ideen unter dem Drucke der Verhältnisse und infolge des Erwachens der jüdischen Volksmassen von ihrer ursprünglichen Richtung nacü einer anderen abwichen, daß sie in ihrer späteren Umwandlung eigentlich zur Ueberwindung derselben Haskalah beitrugen, so daß in bezug auf jene „Stürm- und Drangperiode" sich das prophetische Wort bewahrheitete: „Kinder habe ich groß gezogen und sie versündigen sich an mir". Aber die chronologische Erforschung aller späteren Strömungen innerhalb des Ostjudentums führt fast ausnahmslos auf die aufrührerische Haskalahzeit zurück. Die „ORT" wurde im Jahre 1880 von der Petersburger jüdischen Intelligenz gegründet Seitdem machte, sie verschiedene Wandlungen durch. Die Aufklärer jener Zeit sahen in der „Bildung" das wirksamste Heilmittel gegen alle äußeren und inneren Abnormitäten des jüdischen Lebens. Dabei wurde die Idee der Bildung von der Absicht geleitet, eine bessere Beziehung zu der Regierungsmacht durch die Russifizierung zu erzielen. Es galt, die Judenfeinde zu überzeugen, daß die Juden der Gleichberechtigung würdig sind. . . Auch die Methoden, deren sich die „ORT" ursprünglich bediente, um die Juden für das Handwerk und die Landwirtschaft zu gewinnen, waren von derselben Ideologie nicht frei. Mit der Zeit wurde aber für die „ORT" die Verbreitung von Handwerk und Landwirtschaft unter den Juden aus einem Mittel zur Bekämpfung antisemitischer Tendenzen zu einem national-wirtschaftlichen Selbstzweck. Nach der ersten russischen Revolution vom Jahre 1905 wurde die Gesellschaft auf andere Grundlagen gestellt, paßte sich den Anforderungen der Zeit an und widmete alle ihre Kräfte dem sozialökonomischen Umbau der russischen Judenheit. Wenn man die Tätigkeit der „ORT" während der letzten Zeit betrachtet und einen Einblick in die Berichte der Lokalkomitees gewinnt, so wirkt es trotz ungenügender Einheitlichkeit und gewissem Mangel an System wie ein Lichtstrahl aus der Finsternis. Es wiederholt sich hier das Wunderbare in der Geschichte unseres Stammes: Aus den Ruinen grünt neues Leben hervor. . .. Während die immer von neuem hereinbrechenden Leiden und deren Begleiterin, die „Zedakah", alle Augen auf sich lenken, spinnen bereits im Hintergrunde die Engel des Lebens den Faden weiter.