Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1921)
- Article
- Der beginnende Aufbau
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 121 - 122 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2584101-2584104-2607318--18200-2607341- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
121 Der beginnende, Aufbau 122 Wolinsk und fast in allen Städten der Ukraine Abteilungen der Gesellschaft. Während ihre Tätigkeit in Sowjetrußland von den allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen bedingt ist und erst in der letzten Zeit einen Aufschwung erlebt, seitdem die „ORT" ein wohlwollenderes Verhalten seitens der Sowjetregierung genießt, entwickelt sich ihre Arbeit in den sogenannten Randstaaten auf einer viel freieren und breiteren Basis und zeitigt Resultate, die bereits die Aufmerksamkeit der breiten jüdischen Oeffentlichkeit auf sich zu lenken beginnen. I. In der elementaren Bewegung der jüdischen Massen zur Neuaufrichtung ihrer wirtschaftlichen Existenz bildet der Uebergang zur Landwirtschaft das bedeutendste Moment. Sie ist an sich' keine neue Erscheinung in der ökonomischen Geschichte der russischen Judenheit. Zahlreiche Dokumente aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts erzählen von dem Drange der russischen Juden jener Zeit, sich durch den Ackerbau eine unabhängige Existenz zu verschaffen, und von den Schwierigkeiten, die ihnen die russische Regierung dabei machte. Anfangs wies sie ihnen zwar den gewünschten Ackerboden zu, aber nicht dort, wo sie ihren Wohnsitz hatten, sondern in weitentfernten brachliegenden Gegenden, später suchte sie auch diese geringe Konzession rückgängig zu machen. Sie erließ Verordnungen auf Verordnungen, die im Gesetze von 1882 gipfelten, worin den Juden jeder Zutritt zum Boden im allgemeinen und zum Dorfe im besonderen streng verwehrt wurde. Erst durch den Krieg trat eine Wendung ein. Das Tempo und der besondere Charakter der ostjüdischen Agrarströmung in den letzten Jahren hängt mit der Veränderung der gesamten wirtschaftlichen und politischen Lage zusammen. Von der allgemeinen Zerrüttung, die der Mensch in den Jahren seines Zerstörungswahnsinnes angerichtet hat, ist das Dorf verhältnismäßig am wenigsten betroffen worden. Hier versagte glücklicherweise die Wissenschaft! . . Zähneknirschend mußte der „wackere Krieger" erkennen, daß er trotz all' seiner Anstrengungen leider nicht imstande war, auch den Boden zu vernichten. Zwischen ausgehungerten und erfrorenen, halb oder ganz ausgestorbenen Städten blieb das Dorf der einzige gesunde Winkel. Mit offener Ergebenheit und heimlichem Neid blickte die ruinierte, nicht mehr produzierende Stadt zu ihrem Brotgeber, dem Dorfe, empor. Und mit sichtlicher Schadenfreude sah der Bauer auf den bettelnden Stadtmenschen herab. . . Eine besonders starke Anziehungskraft übte das Dorf auf die jüdische Bevölkerung aus, die unter der allgemeinen ökonomischen Krisis am schwersten gelitten hatte. Durch die Kriegsoperationen und Okkupation war der Kleinhandel zum großen Teil vernichtet worden und blieb später infolge der bolschewistischen Nationalisierung bzw. des polnischen Boykotts, ganz abgesehen von dem Mangel an Waren und Transportgelegenheiten, den Juden verschlossen. Das Handwerk, schon durch den Krieg niedergedrückt, konnte sich ohne Rohmaterialien, Geräte und Absatzmöglichkeiten nicht wieder aufrichten. So blieb für die jüdische Betätigung zunächst nur ein Feld offen, die landwirtschaftliche Arbeit. Diese ökonomische Notwendigkeit und die Lage der Bauernschaft als sozialökonomisch gesicherteste Klasse räumten die psychischen Widerstände, die subjektiven Hemmungen, die bis dahin den Uebergang der Juden zur Landwirtschaft miterschwerten, hinweg. Und hinzu kommt als Wichtigstes, die politische Lagehat sich von Grund auf geändert. Die Ausnahmegesetze, welche Generationen hindurch die Juden vom Lande absperrten, verschwanden." Kein Wunder also, daß die Landwirtschaft, der nunmehr keine Schwierigkeiten entgegenstanden und für die weite Strecken freien Bodens offenlagen, die gemarterten und ausgehungerten jüdischen Massen anzog. Bereits seit der deutschen Okkupation bildete in großen Teilen des Grodnoer und Wilnaer Gouvernements die Landwirtschaft die einzige Existenzquelle der jüdischen Bevölkerung. In vielen Orten zwangen die Deutschen die Juden zur Bearbeitung der von den weißrussischen und litauischen Bauern, die vor dem Nahen der Deutschen nach dem Innern Rußlands geflüchtet waren, verlassenen Felder. Seither hat der Zug nach Landarbeit alle Städtchen von Litauen und Weißrußland ergriffen. Es bilden sich jüdische Ackerbauwirtschaften auf erworbenem oder gepachtetem Boden. Und kehren, wie es letzter Zeit häufig geschieht, die Bauernflüchtlinge zurück und treffen Juden auf ihren alten Feldern, so lassen sie diese weiterarbeiten und erhalten als Pachtzins die Hälfte des Ertrages. Auf solche Weise kann man dort, wo der städtische Jude früher von des Bauers Mühe lebte, heut oft ein umgekehrtes Bild erblicken. Besonders auffällig ist die Agrarisierung der kleinen Städte des Grodnoer Gouvernements, jdessen jüdische Bevölkerung früher aus Textil- und Lederarbeitern bestand. In manchen Provinzen ist die Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten Juden um das Siebenfache gestiegen (allein in den Gouvernements Wiilna, Grodno, Minsk und Kowno beträgt sie jetzt über 150 000)). und noch immer übersteigt der Landhunger der dortigen jüdischen Bevölkerung bei weitem die Befriedigungsmöglichkeit. Die Berichte der Lokalkomitees der „ORT", welche