Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1921)
- Article
- Maser
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 103 - 104 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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103 Maser 104 Gidel übrig hatte; sondern Simon allein für sie sorgen ließ. Wenn die Gedanken diese Richtung nahmen, sagte Simon zu Gidel: „Dein Bruder Mortche!" Von allen Anzeichen, daß Mortche oder Martin zu noble Passionen hatte, war Simon nichts un* angenehmer, als daß er im Sommer Markisen hatte. Simonbewohnte eine Parterrewohnung nach Norden, der Bruder eine Wohnung drei Treppen nach der Sonnenseite, und Simon konnte deshalb nicht nachfühlen, daß der Bruder von der Sonne be* sonders geplagt war; aber eins wußte Simon jeden* falls, und das war, daß seine Eltern und Groß* eitern keine Markisen gehabt hatten. Diese drei weißen Markisen vor den Fenstern des Bruders waren für ihn Flaggen, deren Wehen einen un* natürlichen Ehrgeiz, eine ungehörige Freude oder eine unangebrachte Lustigkeit bekundeten, und er konnte nie vorbeigehen, ohne hinaufzusehen und zu murmeln: Markisen! Unsere Owaus Awauseinu (die Eltern der Eltern) Markisen!" — Aber das war auch alles, — ein heimliches Murmeln, — Simon war ein armer Mensch. Mittlerweile waren die Kinder Mortches oder Martins groß geworden, und er sprach davon, daß sein Sohn Friedrich, — in der Synagoge war er bei seiner Geburt nach dem Großvater Schlaume genannt worden; aber Schlaume oder Salomon kann wortgetreu mit Friedrich übersetzt werden, — das Geschäft übernehmen sollte, und gleichzeitig wurde gemunkelt, daß Friedrich in die hübsche Rieke Jacobsohn verliebt war. Hübsch war sie, und als ein lebhaftes gutes Mädchen war sie aucli bekannt; aber das war alles; denn Jacobsohn konnte sich nur gerade so durchschlagen. Aber das schien Mortche oder Martin nicht zu bekümmern. Er sagte: „Habeich was mit meiner Frau mitbekommen?" Zu einer regelrechten Verlobung war es noch nicht gekommen; aber „man sprach" von den beiden jungen Leuten, und Simon Levi konnte, da er das junge Mädchen auch kannte, nicht vermeiden, etwas dabei zu empfinden. Er sprach sich jedoch einem Dritten gegenüber nicht weiter darüber aus; aber zu Gidel sagte er das erste Mal, als das Gespräch daraufkam: „Wenn zwei Meisim tanzen, wer bezohlt die Leisim?" (Wenn zwei Tote tanzen, wer bezahlt dann die Musikanten?) Seine Meinung war, daß Friedrich, da er ein hübscher, tüchtiger, aber mittelloser Mensch war, eine gute, d. h. vermögende Partie machen sollte. Aber es war die Frage, ob