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Ost und West · 1921-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1921) · p. Seite 71 - 72

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1921)
Article
Arthur Silbergleit
Date
1921-03-01
Page
Seite 71 - 72 (sequence 3)
Language
German
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71 H. Glickmann 72 ersten Male in der deutschen Dichtung ein Weg beschritten, der von der Kunst zur Wissenschaft, vom Können zum Kennen führt, hier ist Wissen* schart zum Lied gewandelt, lyrische Vision zu dramatischer Wucht geballt, hier ist der Himmel die Seele der Erde, hier ist Vollendung. Aus seinem großen Gestaltungsdrang schafft der Dichter sich eine Welt; weil der göttliche Gedanke in ihm lebendig ist, muß er aus sich her* aus eine Welt erzeugen. Aus seinem großen Schöpferdrang ersteht ihm sein Werk, göttlichen Geistes voll, göttlichen Ursprungs. »Wirkt' nicht in uns des Gottes eigene Kraft, Wie könnt' uns Göttliches entzücken?« Unser aller Weg fuhrt zu Einkehr, zur Verinner* lichung, zu Gott. Auf diesem Wege wird uns der Dichter Führer. Arthur Silbergleit kann selbst in seinen weltlichen Werken nicht verleugnen, daß er ein Sproß seiner litauischen Ahnen ist, die als Priester in den Zelten Israels heimisch waren. So gewinnt das Bekenntnis seiner Sendung von selbst religiöse Weihe. »Ich bin nur ein schlichter Diener am Wort und suche in allen meinen Werken Gott« H. GLICKMANN Dr. Karl Schwarz. Der Osten ist die Kornkammer unserer jung* jüdischen Kunst. Der Talente erblühen dort so viele, daß, wie in einem zu reich sprießenden Garten, nur ein Teil der Blüten zur Blume sich entfalten kann. Wir hatten schon oft Gelegenheit, den dornenvollen Weg zu beschreiben, den gerade der Künstler des Ostens schreiten muß, ehe er sich aus dem Dunkel unbeachteter Leiden und Entbehrungen emporringen kann, wie gar mancher auf halbem Wege verblutet, unbemerkt mit seinen reichen Hoffnungen zerschellt und klanglos im Chaos verschwindet. Was heute in Polen und Rußland zugrunde gehen mag — wer weiß es! Wir ahnen kaum die Not und Verzweiflung und hören \ nur ab und zu von Massengreueln. Einzelne retten sich zu uns herüber. Sie sind alle wortkarg und verschlossen geworden. Das Geschick hat sie zu hart angepackt. Ein Wunder, daß sie noch die Energie zum Schaffen besitzen, daß das Grauenvolle nicht ihr Hirn gelähmt hat. Ein junger Künstler hat eine Mappe kleiner Zeichnungen herübergerettet. Er präsentierte sie mir schweigend. Ich schaue die Blättchen durch und bin erstaunt von der ihnen inne* wohnenden Kraft. Das Selbstbildnis fällt mir besonders auf, es ist flott und selbstsicher hin* gestrichen, eigen» artig in der Tech* nik,wie all die Ar* beiten, die Hirsch Glickmann ge< schaffen. Ich schaue demKünst* ler^ins Gesicht. Die Augen sind jetzt stumpfer, die Haltung erscheint H. GLICKMANN Pogrom Stimmung gebeugter. Das kommt von den furchtbaren Er* lebnissen der letzten Zeit. Aber hier, aus dem Bilde, das noch in Moskau entstanden, spricht die entschlossene Kraft und die verhaltene Glut eines tief empfindenden Menschen, zart und jungfäulich in der äußeren Erscheinung, voller Ideale, voll sehn* suchtsvoller Träume, umwoben von lyrischen Tönen, die aus seiner Brust klingen, mit leicht umflorten Augen, da sie nichts als Elend sehen. Und dann seine Typen, die er in Charakteristik sehen Ausschnitten, wie von Blitzlichtern erhellt, dar* stellt. J0ft niirein Teileines Gesichtes, aber doch genug, um den ganzen Menschen zum lebhaften Bildein* druck zu erheben. Seelenmalerei, konzentrierteste Wiedergabe des Wesenhaften unter Ausschaltung aller Nebensächlichkeiten. Durch die Augen dringt er in die Tiefen seiner Leidensgenossen, durch ihre Augen läßt er sie sprechen. All diese Blättchen verraten ein sicheres Können, das sich der Künstler auf der Hoch* schule in Moskau angeeignet hat. Er hat viel kunst* gewerblich gearbeitet, Beiträge zu Zeitschriften ge* liefert und verfügt über die Mittel zu weiterem künst* lerischem Ausbau. — Nun ist er hier gelandet, eine Mappe voll Zeich* nungen kündet von seinemTalent. Dem Chaos ist er glücklich entren* nen. Einer von den unendlich Vielen, einer von denen, die Hoffnung und Verzweiflung bedeuten, ein Talent, das sich spärlich die Land* straße des rauhen Lebens entlang quält, wortkarg, voller Träume, Berlin voller Trauer.

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