Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1921)
- Article
- Dichterstimmen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 33 - 34 (sequence 2)
- Language
- German
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33 Dichterstimmen 34 Zu wahrhaft posaunenhafter Sprachwucht, von der freilich jede auch" noch so einwandfreie Übersetzung nur einen schwachen Nachklang zu schenken vermag, und zu riesenhafter Größe seiner dichterischen Gesichte aber ringt sich Bialik empor, wenn er sich mit seinem eigenen Ich und seinem Gotte wie in dem Gedichte: „An der Schwelle des Beth Hamidrascb" auseinandersetzt: Meine stille Geistesfestung soll mich schützen; Wie im Schneckenhaus will ich dort nisten; Meiner Art Gewaffen soll am Tore blitzen: Kommt die Zeit, will ich zum Kampfe rüsten. Gott zu meiner Rechten! Feindesstolz zu brechen Und zu siegen, gibt mir Gott die Kraft. Mähnige Löwen sah ich schon zusammenbrechen Unter zahmem Wild dahingerafft. Alles Fleisch ist Gras, die Kraft verdorrt, Gottes Odem weht und bläst sie fort. Habe nicht gelernt mit Muskelkraft zu ringen, Wein und Völlerei mich nicht erfreute. Gott hat mich geschaffen, ihm ein Lied zu singen — Nur gerechtes Wildbret war mir Beute. Und mein schönstes Lied erklingt in aller Munde, Tönt hinein in alle Himmelsweiten. Und die Wahrheit steigt empor in stiller Stunde; Gottes Stimmen machtvoll sieghaft schreiten. Keine Stimme wie auf Erden hallt, Gottes Wort in Ewigkeit erschallt. Und ich, den sie aus den Büchern ausgemerzt, Weil ich haßte ihre Truggesichte, Aus den Trümmern steig als letzter ich beherzt — Gottes Siegel herrscht in der Geschichte. Kennen wird man dann den Greis, der auserwählt, Der mit Weihrauchfaß die Welt durcheilte, Vieler mächtiger Völker Freveltat gezählt, Teufel tilgte und die Geister heilte. Nicht Beschwörungsformel trieb sie fort, Stilles Beten war sein Zauberwort. Wanke nicht, Zelt Scherns! Noch wirst du schirmend Aus dem Schutt wird deine Mauer leben; [ragen, Wenn am jüngsten Tag die Würgeengel jagen, Werden Tempel und Paläste leben. Wenn ich den zerstörten Gottestempel richte, Sei der Vorhang licht, das Fenster weit, Weichen soll der Schatten vor dem Lichte, Einziehn unsres Gottes Herrlichkeit. Und es sehen's alle, groß und klein: Welkt das Blühen — ewig Gott allein! Manchmal jedoch erhebt sich Bialik zu prophetisch klirrender Anklage wider sein eigenes Volk; dann ist es, als schleuderte Zebaoth selbst, die Lenden gegürtet mit siebenfacher stahlharter Kraft, Zomesblitze gegen die Weltgemeinde aller gedanken- und gefühlsträgen Geister und Seelen, und das Herz des Dichters flammt wie eine Feuersäule in der Wüste und Nacht allen Verirrten auf: Fürwahr, Spreu ist das Volk und trocken wie ein Scheit, Und tof ist's, tot für alle Ewigkeit. Wenn Gottes Donnerstimme dröhnt von Ort zu Ort, Nicht rührt sich's, unbewegt, kein lebend Wort. Nicht stand es auf so grimmig wie ein junger Leu. Und niemand folgt dem Ruf in frommer Scheu. Kein freudig Zittern eilt durch aller Herzen Heer Von links, von rechts mit Macht von Meer zu Meer — Wenn sich ein Sohn von Gottes Stamm zu ihm bekennt, Dem Gottes Feuerruf im Herzen brennt. Kein stiller Gruß winkt ihm, reicht niemand ihm die Der seines Ruhmes Himmel ausgespannt. [Hand, So erscheint die alte, längst verschollen gewähnte Davidsharfe in dem Saitenspiel des leider noch immer nicht hinreichend bekannten Dichters Bialik wieder aufgewacht, und wenn dieser auch keine Psalmen singt, die Ursprünglichkeit und Schönheit seiner Rhythmen und seine Gefühlsfülle psalmodiert seinen einstweilen noch bei uns stillen Ruhm und inneren Reichtum. * * * Nicht selten begegnen sich die Schatten der Meister aus Gegenwart und Vergangenheit über dem Fluß des ewig beweglichen Lebens auf jener Geister brücke, welche die Dämme aller Zeiten und Zonen überwölbt. Ja, als wollte ein großer Dichter einer sagenhaft versunkenen Ferne seinen jungen Musenbruder unserer Tage grüßen, spielte mir die Laune des Geschickes zugleich mit dem Werke Bialiks einen Band Gedichte Je hu da Haie vis, betitelt: „Ein Diwan* in der Übertragung von Emil Bernhard (Verlag Erich Reiß, Berlin,) zu. Dieser König unter Israels Liederfürsten, dessen dichterische Schönheit bereits Heinrich Heine bezauberte, verbindet als Kind der arabisch-andalusischen und der jüdischen Kultur südliche Gefühlssüße mit religiöser Inbrunst und andachtstiefer Glaubensweihe in so bekannter Meisterschaft, daß es einem jeden auch noch so redlich ringenden Übersetzer schwer fallen muß, die Pracht jener sprachlichen Kleinodien, die im hebräischen Urtext festlich erglänzen, mit auch nur annähernd gleicher Leuchtkraft aufstrahlen zu lassen. Aber in seinem