Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1921)
- Article
- Earl of Reading
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 31 - 32 (sequence 2)
- Language
- German
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31 Dichterstimmen 32 zu den bedeutendsten und beliebtesten Frauen Englands gezählt werden darf. — Durch allen Wechsel der Zeiten und Verhalts: nisse ist Rufus Isaacs dem Glauben seiner Väter treugeblieben und hat sich stets mit Freude und Stolz zum Judentum bekannt. Als weithin leuch* tendes Vorbild hat er der Welt gezeigt, daß Fähig* keit, Fleiß und Tüchtigkeit, gepaart mit "rastloser Tatkraft und zielbewußtem Streben, sich letzten Endes doch durchzuringen vermögen trotz aller Vorurteile und Anfeindungen, trotz Neid und Schelk sucht, die auch ihm in seiner Laufbahn ebensowenig erspart geblieben sind wie dem Geringsten seiner Glaubensbrüder. Wahrlich, ein tröstliches und er* hebendes Bewußtsein, welches diesem Einzelfalle gerade in der mißgünstigen Gegenwart ganz besoh* dere, weittragende Bedeutung verleiht für das ge* samte Judentum aller Länder. — DICHTER Von Arthur Die Seele Gottes schläft hienieden geheimnisreich wohl in keuschen, traumtiefen Blumenkelchen und erglänzt zuweilen in einem sonnengeküßten Tropfen Tau, vielleicht am liebsten auf Erden aber lebt sie in ihrer Vollkommenheit und Schönheit in den Herzen und Harfen großer Dichter. Hier feiert sie klingende Feste innerer GJückstrunkenheit und Andacht, hier beschenkt sie sich selbst mit den abgewandelten Weisen ihrer cherubischen Chöre. Demutvoll und innig hingegebene Hörer wollen daher aus Dichterweisen Jahwes Stimme wieder vernehmen. Laßt uns also den Gesängen zweier Sendboten der Seligkeit, die sich innerlichst jenseits der Reiche von Zeit und Raum begegnen und von denen jeder uns messianische Kunde von seinem himmlischen Meister gibt, ehrfürchtig lauschen! ChaYm Nachmann Bialik nennt sich cler eine mit irdischem Namen. Mit überirdischem könnte er auch der Engel der Freude genannt werden. Der Freude jugendlichsten Jubels über die Herrlichkeiten der Welt. Denn in seinem Band: .„Gedichte", die Louis Weinberg übertragen hat, mit der Inbrust, die brausende Sprachkraft, Schönheit und Musik des hebräischen Urtextes in deutschen Lauten aufklingen zu lassen und die soeben der Welt - Verlag, Berlin herausgibt, verstummen endlich die ewigen Klagegesänge jener Harfen, die unsere Ahnen an den Wassern Babels in das geheimnisumschattete Haar der Trauerweiden hängten, beginnt der lang zerquälte, aber nun innerlich befreite Ahasver nach Jahrtausenden endlich zu jauchzen. Manche dieser Verse gaukeln mit der tänzerischen Leichtigkeit loser Falter dahin, die einmal zu einer Rose, einmal zu einer Jungfrau schweben, um auf einem Blütenkelch oder Mädchenbusen von den bräutlichen Frühlingswiesen süßer Sinnenlust zu träumen: Arm in Arm aufs Feld wir schreiten Hin zum Berg, hin zum Tal, Will Vergißmeinnicht dir pflücken, Sammeln will ich Silberlau, Silbertau — Silbern Kettlein soll dich schmücken. Sammeln will ich Sonnenlicht, Sonnenlicht — STIMMEN. S i 1 b e r g 1 e i t. Will es zwischen Rosen finden, Will's um deine Stirne winden, Strahlengold, Licht so hold — Und zum Kranze für dich binden. Steigen dann hinab zur Quelle; Fließt so sanft, fließt so sanft, Murmelt hell wie leises Wehen Unter Gottes blauem Himmel — Und wie Quell und Schwalbe singt. Wird auch mein Lied auferstehen. Seelische Einfalt, Lebensbejahung und goethesches Naturgefühl, das man sehr selten gerade uns Juden nachrühmt, kennzeichnen diesen jüdischen Dichter, der wohl als einer der bedeutsamsten Gegenwartslyriker seiner äußeren Heimat Rußland gelten kann. Aber Bialik wäre nicht ein so echter Sohn seines Volkes Israel und ein .so gewaltiger Zepterfürst über Seelen und Geister, besäße er nur das keusche Kindheitsglück solcher Empfindungen und nicht auch die inneren Brechungen des modernen Juden durch Zweifelsucht, leisen Humor und einen nur schüchtern aufzitternden Schmerzensunterton, den er als Lebensverneinung mit seinem starken Daseinsbewußtsein bekämpft und überjubelt. So wird er der erste Triumphator der jüdischen Gegenwart über die Tränenseligkeit seiner singenden Brüder; so ersehnt er nach dem Martyrium seiner Glaubensgenossen ihre Stärke zur Überwindung alles Leides: Zwar ein Ben-Jeschiwa bin ich, Blaß wie Kalk, die Stirn so weiß, Doch gehäuft hab ich im Winter Kraftschatz hinterm Schild von Eis . . . Duftet zart schon aus dem Eise Leiser Frühlingshauch voll Glühn; Neuer Frühling — seinesgleichen Sah mein Auge niemals blühn. Und ihr Telegraphendrähte! Warum rauscht ihr grimmen Zorn! — Fließet noch in meinem Herzen Kraftgefüllt des Lebens Born.