Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1921)
- Article
- Earl of Reading
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 29 - 30 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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29 Earl of Reading 30 EARL OF READING. Die Ernennung des Earl of Reading (früher Rufus Isaacs) zum Vizekönig von Indien hat weit über Englands Grenzen hinaus berechtigtes Aufsehen erregt. Denn der Aufstieg dieses merk* würdigen Mannes aus kleinen Anfängen bis zur höchsten, unmittelbar hinter dem König rangierenden staatlichen Würde ist wohl ohne Beispiel. Als Sohn eines israeli* tischen Ci* tykaufman* nes i.J.1860 in London geboren, ging er nach Absolvier rung der Schule als einfacher Matrose auf ein Han* delsschiff, kehrte,weit* gereist, nach zwei Jahren zurück, trat in das väter* liehe Ge* schäft und wandte sich, da die dor* tige Tätig* keit ihm nicht zu* sagte, dem* nächst dem Earl 0f Reiding Börsenge* schäft zu. Wiederum trat eine Wandlung ein, als er seine spätere Lebensgefährtin Alice Cohen, Tochter eines israelitischen Londoner Großkaufmannes, kennenlernte. Mit raschem Scharfblick erkannte sie seine ganz ungewöhnliche Begabung und be* stimmte ihn, das juristische Studium zu ergreifen. Nachdem er dies in überraschend kurzer Frist beendet hatte, ließ er sich in London als Rechts* anwalt (barrister) nieder und gewann durch einige glänzend geführte Prozesse bald großen Ruf. Schon nach wenigen Jahren wurde er Kings Council, weiterhin Mitglied des Parlaments und galt unbe* stritten als erster Anwalt Englands. Durch besonderes Vertrauen des Königs in den Geheimen Rat der Krone berufen, trat er zur richterlichen Laufbahn über, stieg von Stufe zu Stufe und wurde schließlich unter dem Namen Lord Reading, „Lord chief justice of England", der oberste Richter in Großbritannien. Während des Krieges wurde er dreimal als außer* ordentlicher Botschafter nachAmeri* ka gesandt und erhielt in Anerken* nung der dort seinem Lande ge* leisteten Dienste die Würde ei? nes „Earl". Und nun die Krö* nung des Gebäudes durch die Wahl zum Vizekönig! Auf kei* nen geeig* neteren Mann konnte sie fallen. Ver* bindet er doch mit seltener Klugheit, umfassendstem Wissen und reichster Erfahrung eine „Persönlichkeit" im Goetheschen Sinne — unbeugsame Gerechtigkeit, Willensstärke und Fes* tigkeit, daneben aber auch feinstes Taktgefühl, bestrickende Liebenswürdigkeit, sonnige Heiterkeit, ein weiches, mitfühlendes Gemüt für jeden Hilfsbedürftigen. Die „geheime Kraft, vor Gott und Menschen angenehm zu machen" ward ihm durch gütigen Schicksals Gunst in vollstem Mäße zuteil. Ihr verdankt er seine Popularität und die Unterschieds* lose Verehrung seitens aller Kreise, aller Parteien — im Verein mit seiner ihm ebenbürtigen Gattin, die