Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1921)
- Article
- Die Theodotos-Synagoge in Jerusalem
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 27 - 28 (sequence 4)
- Language
- German
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27 Die Theodotos-Synagoge in Jerusalem 28 rühren wir die Frage, in welcher Art unsere Inschrift in die Zeitgeschichte einzustellen ist. Daß wir uns im hellenistischen Zeitalter befinden, zeigt die Sprache der Inschrift selbst. Falls die Synagoge wirklich in Jerusalem errichtet wurde, was gar nicht: feststeht, da man, wie bemerkt, nur die Inschrift selbst, nicht aber Fundamente und Ruinen daselbst gefunden hat, so daß schließlich der Stein von anderswo konnte hergeschleppt worden sein — in diesem Falle muß man annehmen, daß die Synagoge für die griechisch sprechenden auswärtigen Juden bestimmt war, wie der Umstand, daß eine Fremdenherberge eingerichtet wurde, klar darlegt. Solche Synagogen für aus der Fremde zugereiste Pilger, Synagogen, die infolgedessen nach Landsmannschaften benannt wurden (vgl. die Synagoge derer aus Kyrene, Alexandria, Küikien und der Libertini, Apöstelgesch. 6,9), hat es in Jerusalem tatsächlich gegeben. In der Richtung der Libertini, d. i. der aus dem Sklavenstande Freigelassenen, muß man auch den Urheber unserer Synagoge suchen. Theodotos bezeichnet sich als den Sohn des Vettienus. Letzterer ist kein jüdischer, sondern ein römischer Name. Der Jude kann sich nur als gewesener Sklave dieses Mannes so bezeichnen wollen, Es pflegten nämlich die Freigelassenen noch weiter den Namen ihres früheren Herrn zu tragen, wie z.B. im Falle Josephus Flavius. Wir kennen eine gens Vettena in Rom, ja wir kennen auch direkt eine Persönlichkeit dieses Geschlechtes, namens Vettenus, der 'zu Ciceros Zeit lebte und Finanzmann; wenn nicht gar Wucherer war. Um diese Zeit gleschäh die Einnahme Jerusalems durch Pompejus (63V. Chr.), ein Ereignis, durch' welches viele Juden in Gefangenschaft gerieten, zu Sklaven verkauft wurden, die dann durch' Auslösung oder durch andere günstige Umstände ihre Freiheit erhielten. Hier nun können wir, nach der glücklichen Kombination von Th. Reinach (Revue des Etudes Juives Nr. 141), stehen bleiben und festen Boden gewinnen. Einen Sklaven, auch' wenn er freigelassen wurde, macht man im Judentume nicht zum Archisynagogen. Hier aber soll des Theodotos Vater, der Freigelassene Vettienus, und dessen Vater, ein Archisynagoge gewesen sein. Also war Theodotos nicht der Enkel, sondern der Urenkel jenes Freigelassenen, d. h'. er ist von ihm durch vier Generationen getrennt. Rechnet man nun, wie gewöhnlich', 35 Jahre auf eine Generation, sq erhalten wir folgende Daten: Theodotos — das ist bloß der graecisierte Name für Jonathan, Nathaniel oder Nathan — erhielt seine Freiheit um 60 v, Chr. und legte sich den Namen Vettienus bei. Sein Sohn, der erste Archisynagoge, blühte um 25 v. Chr., sein Enkel, der zweite Archisynagoge, blühte wiederum um 35 Jahre später, also um 10 n. Chr., sein Urenkel aber, unser Theodotos, blühte demgemäß um 45 n. Chr., und das ist in der Tat diejenige Zeit, in der wir uns die Entstehung unserer Synagoge am besten denken können. Die Juden waren noch im Besitze ihres Landes und erfreuten sich eines gewissen Wohlstandes. Jerusalem wurde damals von den Juden aller Länder, in denen sie zerstreut waren, häufig aufgesucht, namentlich auch von Juden der griechischen Diaspora, und für solche wurde unsere Synagoge" mit der dazu gehörigen Herberge und dem Bade erbaut. Nicht uninteressant ist es, daß sich unser Tlieodotos einen Kohen nennt. Er tut das in griechischer Sprache (iereus), weil damals wahrscheinlich auch der feste Begriff „Kohen" ins Griechische übersetzt zu werden pflegte. So machten es auch die Juden in Rom, wie die Inschriften der Katakomben lehren. Natürlich wurde trotzdem nicht der amtierende „Priester", sondern der zum Priestergeschlechte gehörige Mann gemeint, wie noch bei uns; es ist nun von Interesse, zu sehen, daß die Abstammung von den Kohänim etwas war, was man nicht vergaß anzugeben. Unser Mann hatte nebst diesem „Jichus" auch den, daß er der Sohn und Enkel eines Archisynagogen war; ein Archi-. synagoge zu sein war damals eine höhe Würde, zu der nur Männer von anerkannter „reiner" Abstammung und von höhen Tugenden berufen waren. Hieraus ersehen wir aber nebstbei auch den ohnedies feststehenden Umstand, daß es hauptsächlich Männer des priesterlichen Stammes waren, die seinerzeit von dem Eroberer Pompejus in die Gefangenschaft geschleppt worden waren. Dieses Los traf bekanntlich in erster Reihe die Abkömmlinge der Häsmonäer, die bekanntlich ebenfalls Kohanim waren, und wer weiß, ob der erste Theodotos, der Sklave und Freigelassene, nicht ein Mann war, der zum Hofe nahestand und eine politische Rolle gespielt hatte.