Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1921)
- Article
- Die Theodotos-Synagoge in Jerusalem
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 23 - 24 (sequence 2)
- Language
- German
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23 Die Theodotos-Synagoge in Jerusalem 24 dingt in die talmudische Zeit zurück und findet seinen Ursprung in der damals bestehenden Einrichtung, daß Fremde und Arme, welchen das Teilhaben an einem Familientische versagt war, in der Synagoge selbst gespeist wurden. Spätere haben die betreffende Nachricht (Pezakim 101 a) dahin abgeschwächt, daß dies in einem Nebenraume der Synagoge geschehen ist. Für die Fremden und Armen nun, die in der Synagoge oder in einem ihrer Nebenräume logierten und daselbst auch speisten, wurde der K i d d u s c h in der Synagoge absolviert, damit sie des schönen Aktes, womit der Sabbat oder ein anderer Festtag eingeweiht wird, nicht verlustig gehen. Der Vorbeter, mit dem Kidduschbecher in der Hand, hat sich zu diesem Zwecke eigens zu dem Eingange des Nebenraumes begeben, damit alle dort Anwesenden dieses Weihegebet sollen hören können; das war berechnet, damit der Grundsatz, der Kiddusch' könne nur stattfinden im Anschluß an das Mahl, auch in diesem Falle gewahrt bleibe. In späteren Zeiten, als sich diese Einrichtung, nämlich die Unterbringung von Fremden und Armen in den Räumen der Synagoge, geändert hätte, hat man vielfach gegen den Kiddusch in der Synagoge begründeten Einwand erhöben, doch konnte der einmal feststehende Brauch nicht abgeschafft werden, und heute ist ein solenner Akt der Einweihung des Sabbats und des Festtages aus ihm geworden, der so schön isjft, daß man ihn selbst in den modernsten Synagogen nicht missen will. Das eine steht fest, daß uns der Kidd lisch heute noch an die Synagoge als Herberge gemahnt. Damit ist das „Gasthaus" in der Theodotos-Synagoge aufs beste erklärt, und diese Synagoge wird in gerader Linie mit einem noch heute bestehenden Brauch verknüpft. Auf so etwas kann man nur in dem vieltausendjährigen Judentum hinweisen; aber das zu tun, soll man nicht unterlassen. Eine andere bauliche Einrichtung in der Theodotos-Synagoge wird in der griechischen Textierung )tdoma" genannt. Philologen von Fach gestehen ein, daß sie die Bedeutung dieses Wortes in diesem Zusammenhänge nicht recht erfassen können; denn „Behausung", „Saal", „Keller", was das häufig gebrauchte Wort sonst bedeutet, gibt hier neben der Synagoge keinen rechten Sinn. Wiederum haben sie nicht das gesehen, was am nächsten liegt: die Verhältnisse in Palästina. In dem Griechisch, das in Palästina allein in Betracht kommt, nämlich das volkstümliche orientalische Griechisch, in welchem z. B. die Bibelübersetzung der Septuaginta verfaßt ist, wird „doma" im Sinne von „Dach" gebraucht; die Septuaginta übersetzen damit etwa fünfzigmal das hebräische Wort „gag". Dasselbe ist der Fall in den Evangelien, die natürlich nur das palästinische, speziell das jerusalemische Leben widerspiegeln kömien. Hier wird freilich auch das Wort .„Stege" gebraucht,. z.B. in Matth. 8,8: „Herr, ich bin nicht wert, daß. du unter mein Dach gehest" (vgL noch Mark. 2, 4);: aber in dem Spruche: „was ihr höret in das Ohr, das prediget in den Dächern" (Matth. 10,27), oder in dem Berichte, „Petrus stieg hinauf auf den: Söller und betete" (Apostelgesch. 10,9), wird im Griechischen „ d o m a " gebraucht. Die Uebersetzungeir in die modernen Sprachen lassen diesen: Unterschied fast gar nicht merken, und ebenso gehen auch die Kommentatoren in die Irre; aber es. ist augenscheinlich, daß dort, wo man predigt und wo man betet, nicht derjenige Bestandteil des Hauses istr, den wir gewöhnlich Dach nennen. Die englische „Revised Version" (Oxford 1899) unterscheidet die beiden Dinge recht hübsch, indem sie „stege" mit „roof", „doma" mit „housetop" übersetzt. Aber auch damit ist die Sache* nicht erklärt; man muß wissen, daß das palästinische Haus einen Söller besaß und noch besitzt, der in Bibel und. Talmud und noch heute bei den Arabern „ a 1 i j j a " („öllije") genannt wird und dazu diente, in der schwülen Luft etwas Kühlung zu erlangen. Von diesem Söller aus predigte man und sprach' zu dem Volke, das unten im Freien stand, und hier betete man auch, weil man so den Unrat und. das Geräusch des bewohnten Hauses beiseite ließ und in die freie Natur hinausschaute. In einem solchen Söller betete auch Daniel in Babylonien (Dan. 6,10), weil er von da frei in der Richtung; nach1 Jerusalem blicken konnte; wer für diesen BesStandteii des Hauses „Kammer" sagt (wie z. B, die angeführte englische Version), geht fehl. Jenes „doma" bei der Theodotos-Synagoge in Jerusalem war ein solcher Söller; Th. Reinach,. der darauf verweist, daß auch in den Papyrus dieses „doma" häufig verwandt wird und französisch etwa „toi en terrasse" bedeutet, macht gleichwohl für unsere Inschrift keinen Gebrauch davon. Aber diese Terrasse auf dem Dach' ist eben das, was wir hier brauchen; in der Theodotos- Synagoge war eine Baulichkeit, in der man in freier Luft beten und auch zum Volke sprechen konnte; ja, letzteres betonend und eingedenk dessen, daßwir uns im talmudischen Zeitalter befinden, möchte ich' in „doma" überhaupt nur die Lehrhalle erkennen, die ja an der Seite der Synagoge nicht gut fehlen konnte. Genau so, wie der Talmud die Herberge unserer Inschrift illustriert, so illustriert er auch diese Lehrhalle; sie gehörte zum spezifisch jüdischen Leben. Auch das Bad, zu dem wir jetzt übergehen, gilt nach der Mischna (Nedarim V, 5) als öffentliches Gut der Gemeinde und wird hart neben der Synagoge erwähnt. Aber auch bei dem Privathause befand sich sehr oft ein Warmbad, wofür ebenfalls auf die