Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1921)
- Article
- Judentum und Monistenbund
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 5 - 6 (sequence 3)
- Language
- German
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5 Judentum und Monistenbun 6 ständigkeit schließt aber keineswegs aus, daß seelische Vorgänge von körperlichen begleitet sind. Soweit also der Monismus nur diesen Zusammenhang behauptet, können wir ihm zustimmen. Er geht jedoch darüber hinaus, indem er lehrt, daß seelische Erscheinungen lediglich aus körperlichen abzuleiten und zu erklären sind. Damit wird die Materie oder das System mechanischer Kräfte das einzige, letzte Weltprinzip, der Oeist nicht eine selbständige Kraft neben der Natur, sondern aus ihr entstanden, ihr untergeordnet. Eine solche materialistische Anschauung steht in schroffem Gegensatz zutnJudentum. Nach unserer Lehre herrscht in der Welt nicht mechanische Kraft, sondern sittlicher Wille, Gottes Geist.. Der Geist ist nicht aus der Materie entstanden, sondern umgekehrt die Natur, Gottes Schöpfung. Hier stehen also zwei diametral entgegengesetzte Anschauungen einander gegenüber. Welche von beiden hat den Anspruch, wissenschaftlich genannt zu werden? Eine unbefangene Prüfung gelangt zu dem Ergebnis, daß keine von ihnen wissenschaftlich streng erweisbar ist. Es handelt sich hier nicht mehr um eine Frage der exakten Forschung, -sondern um ein metaphysisches Problem, um die Feststellung des innersten Wesens aller Wirklichkeit. Solche Fragen liegen außerhalb des Bereichs sicherer menschlicher Erkenntnis. Das zeigen schon die einander widersprechenden Lehren der großen, führenden Philosophen. Der Materialismus ist aber nicht nur unerweisbar, sondern auch logisch anfechtbar. Abgesehen von den Einwänden, die sich vom Standpunkt <der Philosophie Kants gegen ihn erheben lassen, sei hier nur darauf hingewiesen, daß die Umwandlung mechanischer Kraft in seelische, die Entstehung des Oeistes aus der Materie infolge der absoluten Gegensätzlichkeit ihrer Eigenschaften vollkommen unbegreiflich wäre. Die logischen Schwierigkeiten einer solchen Theorie sind um nichts geringer als die der entgegengesetzten Lehre, daß die Natur aus dem Geist entstanden ist. Die Erfahrung aber läßt uns hier im Stich, sie zeigt nur den Zusammenhang von Körper und Seele, aber niemals die. Umwandlung der einen Kraft in die andere. Wenn demnach der Monistenbund seine materialistische Anschauung als die wissenschaftliche bezeichnet, so sind wir berechtigt, einer solchen Behauptung zu widersprechen. Der Materialismus ist nicht wissenschaftliche Erkenntnis, sondern subjective metaphysische Lehre. Wenn der Monistenbund nunvon seinen Mitgliedern verlangt, daß sie sich zu seiner materialistischen Anschauung bekennen und aus dem Judentum austreten sollen, dann fordert er den Glauben an eine unerweisbare, logisch anfechtbare melaphysischeBehauptung. Damit aber hört seine Anschauung auf, wissenschaftlich zu sein,,und wird dogmatisch. Die Schriften Haeckels und Ostwalds erhalten dann den Charakter dogmatischer Bekenntnisschriften. Will der Monistenbund seinen wissenschaftlichen Standpunkt wahren, dann darf er seinen Mitgliedern nicht das Recht der Kritik und der freien wissenschaftlichen Ueberzeugung rauben. Monist aber kann sich auch der nennen, der den gesetzmäßigen Zusammenhang der Seele mit dem Körper anerkennt, ohne sich zum Materialismus zu bekennen. Seine Anschauung ist nicht dualistisch, weil sie Natur und Geist nicht als voneinander unabhängig, sondern als miteinander verbunden bezeichnet, ein letztes Weltprinzip annimmt. Sie ist auch nicht weniger wissenschaftlich, sondern hält sich strenger innerhalb der Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis. Mit einem solchen von aller dogmatischen Befangenheit und von aller Unklarheit in der Göttesvorstellung befreiten Monismus braucht das Judentum keinen Kampf zu führen. Wir haben keine Veranlassung, einen Juden aus unserer Mitte zu weisen, der seine wissenschaftliche Ueberzeugung mit seinem Glauben-5in Einklang bringt und im Judentum verbleiben will. So gibt uns der Beschluß des Monistenbundes Gelegenheit festzustellen, daß diese wissenschaftliche Vereinigung engherziger und dogmatischer ist, als eine der ge-. schichtlichen Religionen, denen gegenüber sie sich gerade infolge ihrer Wissenschaftlichkeit weit überlegen fühlt.