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Ost und West · 1920-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1920) · p. Seite 304 - 305

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
Article
Arbeit an den Grundfesten des Volkes
Date
1920-11-01
Page
Seite 304 - 305 (sequence 2)
Language
German
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304 Arbeit an den Grundfesten des Volkes 305 Die Zöglinge werden fachmäßig ausgebildet, ohne, wie dies bisher der Fall war, mehrere Jahre in den Werkstätten der Meister als Lehrmädchen vertrödeln und sich ausbeuten lassen zu müssen, ohne am Ende das Fach gründlich erlernt zu haben. Außerdem wird für ihre allgemeine Bildung gesorgt durch regelmäßigen Unterricht in den Lehrgegenständen der allgemeinen Schule. »Wir haben eingesehen, daß es unumgänglich notwendig ist, die arbeitende jüdische Jugend mit einem vernünftigen und zweckmäßigen Schutz zu umgeben, um sie herum eine kulturelle Atmosphäre zu schaffen, ihr die Bedingungen einer gedeihlichen moralischen Entwicklung und einer gründlichen fachmäßigen Schulung zu gewähren, ihre Menschen- und Frauenwürde zu heben, sie zu lehren, in erster Reihe auf sich selbst zu bauen und an sich selber und dann erst ao die Umgebung Forderungen zu stellen, ihr einzuschärfen, daß ihr Lebensglück in der Zukunft zum sehr großen Teil in ihren eigenen Händen ruht." Es ist also, wie man sieht, nicht bloß fachliche Ausbildung, die diese Jugend nötig hat, sondern zugleich auch Charakterbildung; eine moralische Lebensgrundlage, die ihr die bisherige Erziehung zu geben verabsäumt hatte. Unter den Frauen, die gleich zu Kriegsbeginn sich arbeitsuchend in das Lokal der ursprünglichen Hilfsorganisation drängten, waren die traurigsten Gestalten jene sehr zahlreichen, die ohne jede Kenntnis und ohne jede berufsmäßige Vorbildung dastanden, obwohl sie nicht zu der allerärmsten Schicht gehörten. „Die Lage dieser Frauen (die fast ausschließlich aus der Provinz stammten), legte einen der schwersten Fehler in der Erziehung der weiblichen Jugend an den Tag, die von den Juden hierzulande begangen werden . . . Die im Kriege gewonnenen Erfahrungen werden hoffentlich eine eindringliche Mahnung bilden . , . Andererseits ist es eine häufige Erscheinung unter den Juden, eine Folge des großen Elends der breiten Massen, daß ganz junge Kinder auf Verdienst ausgehen müssen, um meist noch den Eltern behilflich zu sein. Das macht die Ausbildung in einem Beruf unmöglich. Materiellen und moralischen Schutz und Stütze können dieser Jugend nur planmäßig arbeitende Institutionen gewähren." Diese jüdischen Werkstätten entstanden und wurden ursprünglich organisiert ganz spontan, ohne fremde Muster, ohne Pläne und Entwürfe, die von der Ferne hergeholt wären. Zwei Damen, von denen die eine als Leiterin eines großen gewerblichen Unternehmens im praktischen Leben stand, die andere ehemals als Lehrerin an öffentlichen Schulen wirkte — beide kannten daher das Elend und die Bedürfnisse der jüdischen Massen aus eigener Anschauung —, entwarfen schon Jahre vor dem Kriege den Plan, derartige Fachschulen zu gründen. Doch konnte man bei der allgemeinen Gleichgültigkeit und dem Mangel an Mitteln nicht daran denken, diese Pläne alsobald zur Ausführung zu bringen. Als aber die unmittelbare Not an die Menschen herantrat, erwachte die Teilnahme und das Interesse selbst in Kreisen, die bis dahin dem Judentum völlig fernstanden. Eine Dame von hoher Intelligenz und Bildung, von großer Energie und Selbstverleugnung, Frau Dr.phil.Caecilie Klaften.ehemalige Leiterin des Biologischen Instituts der Universisät Lern» berg, trat an die Verwirklichung eines langgehegten Planes heran, sammelte um sich eine Schar von gleichgestimmten Männern und Frauen, die sich dieser Arbeit widmeten, und mit vereinten Kräften schufen sie fast aus dem Nichts ein segensreiches Werk, das immer mehr die Sympathien und das Verständnis weiter Kreise weckte. «Die Not und die gesammelten Erfahrungen lehrten uns die nötigen Verbesserungen und Umbildungen einzuführen. Fortwährend kristallisierten sich neue Forderungen, und neue Aufgaben tauchten auf." „Unzweifelhaft ist viel Kraft auf Versuche und Experimente verbraucht worden, aber es blieb am Ende die Befriedigung, daß das Errungene durch eigene ehrliche Anstrengung aufgerichtet worden ist, nicht auf Grund einer von auswärts fertig übernommenen Formel." Ein Lemberger Bürger, Dr. Norbert Lilien, stellte in seinem Hause gleich zu Beginn zwölf Zimmer dem Verein zur Verfügung; als aber diese Räume zu eng wurden, übergab Frau Cecilie Wechsler dem Verein ein ganzes eigenes Haus in der Piekarskagasse Nr. 6, wo die Arbeits-, Schul- und Bureauräume bis heute untergebracht sind. Der Voritzende des Jüdischen Rettungskomitees, Universitätsprofessor Dr. Moses Schorr und Prof. Dr. Sigmund Bromberg, Frau Emma Lilien, Frau Rosa Melzer, der Obmann der Kleidermacher-lnnung M. Silber sowie mehrere andere Frauen und Männer alier Stände wirkten zusammen und halfen, die fast unübersteiglich scheinenden Hindernisse zu überwinden. Von Seiten der Regierung erhielt der Verein eine einmalige Subvention von — 2000 Kronen aus dem „Fonds für den Wiederaufbau des Landes'"', ein anderes Mal wurden vier Nähmaschinen versprochen, von denen jedoch nur drei in den Besitz des Vereines gelangten. Nur vom Jüdischen Rettungskomitee erhielt er bedeutende Subventionen, auf die er aber verzichtete, sobald sich die materielle Lage der Werkstätten genügend gehoben hatte. Merkwürdigerweise wurde der Verein von den großen jüdischen Organisationen des Auslandes ganz übersehen. Sollte die Ursache darin liegen, daß diese Organisationen auf die Wohltätigkeit eingestellt sind und sich vornehmlich mit Austeilen von warmen Suppen und Kleidern befassen, während die Werkstätten das Volk anleiten wollen, sich selber zu helfen, durch Arbeit und Tüchtigkeit sich eine bessere Zukunft zu bereiten? Der Rechenschaftsbericht sagt: „Wir waren bestrebt, die pure Wohltätigkeit nach Möglichkeit zu reduzieren im Hinblick auf deren unvorteilhaften Folgen; je mehr sich die Bevölkerung an die Wohltätigkeit gewöhnt, desto geringere Forderungen stellt sie an sich selbst und verliert immer mehr den Trieb zur Selbständigkeit." Die Jugend zur Arbeit zu erziehen, ihr die Arbeitsmöglichkeit zu schaffen und für die Erzeugnisse ihrer Arbeit Absatz zu finden, das ist das Bestreben des Vereins. Mit Recht darf er von sich sagen, daß die Jugend, an deren Hebung er arbeitet, der Teil der Bevölkerung ist, an dem uns am meisten gelegen sein muß; indem er an der Jugend der armen Klassen der jüdischen Provinzbevölkerung arbeitet, arbeitet er an der am meisten bisher vernachlässigten Schicht unseres Volkes. Das Beispiel des Lemberger Handwerkstätten\rereins hat auch schon in Wien Nachahmung gefunden.

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