Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
- Article
- Arbeit an den Grundfesten des Volkes
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 302 - 303 (sequence 1)
- Language
- German
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302 Arbeit an den Grundfesten des Volkes 303 ARBEIT AN DEN GRUNDFESTEN DES VOLKES. Aus den furchtbaren Kriegsnöten erwuchs den Juden in Galizien ein Werk, um welches einige der besten unter ihnen vordem jahrelang vergebens gekämpft. Das steigende Elend der Juden dieses Landes war in den letzten dreißig Jahren sprichwörtlich geworden, während die christliche Bevölkerung sich in wirtschaftlicher Beziehung beträchtlich gehoben hatte. Die Hauptursache dieser traurigen Erscheinung lag in der Industriearmut dieses Agrarlandes; die Zugehörigkeit zu Westösterreich stellte es unter die industrielle und finanzielle Oberhoheit der dortigen kapitalistischen Kreise, die mit aller Macht dafür sorgten, daß Galizien nicht industrialisiert'' wurde, sondern als Rohstoff- und Absatzgebiet von ihnen in ewiger Abhängigkeit blieb. Da nun in Galizien die Mehrheit der Juden (77 %) in den Städten wohnte, also auf industrielle und gewerbliche Arbeit angewiesen war, deren Entwicklung mit allen Mitteln unmöglich gemacht wurde, so mußte diese Bevölkerung immer mehr dem Elend anheimfallen. Alle Bemühungen von innen und von außen, Handwerk, Gewerbe und Industrie unter den galizischen Juden zu verbreiten, wurden von Wien aus vereitelt. Der großartigen Stiftung des Barons Hirsch, die ursprünglich den Zweck hatte, die jüdische Jugend zum Handwerk zu erziehen, wußten sich die Wiener Kreise zu bemächtigen und jegliche Förderung des Handwerks zu hintertreiben; dasselbe geschah mit den Arbeiten der ICA in Galizien, die deswegen in diesem Lande, anders als sonst, gar keine Früchte trugen. Mit großem Lärm wurden in Wien Vereine zur „Hebung44 der galizischen Juden gegründet, die in Wirklichkeit mit großer Energie darauf hinarbeiteten, sie nur herabzudrücken, indem sie vor der ganzen Welt alseinHaufenvon900000Schnorrern, Müßiggängern und Faulenzern hingestellt wurden, an deren ..Besberung" ihre westlichen Brüder aus reinem Erbarmen mit heißem Bemühen, aber ohne jeglichen Erfolg arbeiten, von deren Selbsthilfe aber nichts zu erhoffen sei, die darum ewig unter der Wiener Vormundschaft stehen müssen. Dazu kam, daß die jüdische Bevölkerung besonders aus der Provinz, infolge kultureller Rückständigkeit auch wirtschaftlich völlig hilflos war, dem Wandel der Verhältnisse verständnislos gegenüberstand und sich den neuen Bedürfnissen nicht anzupassen vermochte. Hier hatte namentlich der Chassidismus, dieser zerfressende Holzwurm am ostjüdischen Stamme, besonders verheerend gewirkt, indem er die Schnorrerei heiligte, die Unwissenheit zur religiösen Pflicht erhob und jeder Regung, Arbeit und Weissen unter den jüdischen Massen zu verbreiten, als schwere Sünde wütend bekämpfte. Andererseits war die dünne Oberschicht von Bildung und Besitz, die berufen war, die untern Massen zu bessern Zuständen emporzuführen, diesen Massen ganz entfremdet, stand ihnen teilnahmslos gegenüber, kannte nicht einmal recht ihre Lage und Bedürfnisse, oder aber sie war im politischen Parteikampf verloren und von allerlei phantastischen Schlagworten umnebelt, konnte und wollte den Bedrängten nicht helfen. In den letzten Jahren drang überdies der Boykottantisemitismus aus Russisch-Polen nach Galizien immer mehr ein und trug nicht wenig zur Verschlimmerung der Lage bei. Der Krieg traf die jüdischen Massen völlig un vorbereitet, außer den Lokal vereinen, die in jeder Gemeinde von alters her vegetierten, bestand keine umfassende Organisation, die die Hilfstätigkeit in die Hand hätte nehmen können. In tausendfach verschärfter Form trat nun das jammervolle Elend der Juden an den Tag. In den ersten Wochen nach Kriegsausbruch waren in Lemberg gleich Tausende Flüchtlinge zusammengeströmt, die vor der russischen Soldateska sich zu retten suchten, die jüdische Bevölkerung tat das natürlich in einem viel höheren Maße als die christliche; es waren meist Frauen, Kinder und Greise, die sich zu Haufen ansammelten und meist im Freien kampierten. In Lemberg selber waren viele Hunderte Kinder und Mütter infolge der massenhaften Einberufungen der Ernährer schutzlos zurückgeblieben. Da rafften sich einige junge Damen aus der Intelligenz, vorwiegend Lehrerinnen und Studentinnen, auf, schufen kurzerhand eine kleine aber energische Organisation, die das Hilfs- und Schutzwerk für die Kinder der Aermsten, Flüchtlinge und Einheimische, in die Hand nahm. Dieser Organisation gelang es bald, weitere Kreise der wohlhabenden Schichten zu interessieren, Gaben in Naturalien und in Geld flössen in reichem Maße zu, und so gering das Ganze im Vergleiche mit dem stetig wachsenden Elend zu sein schien, so war doch ein Kern vorhanden, aus dem sich eine umfassende und weitausgreifende Institution entwickeln konnte. Nach der Besetzung Lembergs durch die Russen, als der größte Teil der begüterten Klassen nach Westösterreich geflüchtet war, schien jede Tätigkeit lahmliegen zu müssen. Indessen ließen die Urheberinnen der genannten Organisation, die in Lemberg zurückgeblieben waren, den Mut nicht sinken. Ein jüdisches Rettungskomitee wurde ins Leben gerufen, und unter den vielfachen Aufgaben, die diesem oblagen, wurde eine besondere Sorgfalt dem Schutz der jungen Mädchen zugewendet. Aus der Arbeit in dieser Richtung ist der Verein der Hand wer kstätten für jüdische Mädchen in Lemberg hervorgegangen, dessen Rechenschaftsbericht für die ersten vier Jahre, 1915—19, nunmehr vorliegt. Es wurde bald klar, daß es nicht genügte, für eine Schlafstätte und kärgliche Nahrung der bedauernswerten Kriegsopfer zu sorgen. „Der Anblick der weiblichen Jugend, die in ihrem erzwungenen Müßigang fast verwilderte, mit dem Ausdruck starren Entsetzens in den Augen, gab uns keine Ruhe. Wir sahen, daß hier ein Schaden um sich griff, den man nie wieder gutmachen können würde1*. ,,Die Werkstätten jeglicher Arbeit waren verlassen, die Stadt war wie abgestorben. Die Mehrheit der Bevölkerung war auf die öffentliche Wohltätigkeit angewiesen. Den untätigen Händen Beschäftigung zu geben und dadurch den Mut wieder zu beleben, der den Folgen der Heimatlosigkeit und Verwahrlosung ausgesetzten Jugend einen sichern Hafen zu bieten und ihr zu ermöglichen, ein Handwerk zu erlernen, um einen Beruf im spätem Leben zu haben, das war unsere brennendste Sorge, unsere größte Aufgabe, die eine Lösung heischte." Man muß nun in den Berichten selber nachlesen, unter welchen Schwierigkeiten und Kämpfen der Verein, von winzigen Anfängen ausgehend, ein Institut geschaffen hat, welches 90—143 Zöglinge ausbildet und ein Budget von nahezu 300 000 Kronen jährlich hat. Ungefähr zwei Drittel der Zöglinge kommen aus der Provinz, beinahe die Hälfte sind Kriegswaisen. Die Anstaltzerfälltinfolgende Abteilungen: Damenschneiderei, Wäsche, Stickerei, Trikotagen, Spitzenklöppelei, Modeartikel. Es ist also eine richtige Fachschule für Mädchen auf genossenschaftlicher Grundlage, die erste dieser Art, die von Juden für Juden geschaffen wurde.