Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
- Article
- Das Forschungsinstitut für die Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 300 - 301 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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300 Das Forschungsinstitut für die Wissenschaft des Judentums 301 Nichtjuden herrühren, sicli aber auf die Juden beziehen. Das jüdische Volkslied konnte gar nicht anders als in die Gruppe „Carmina" eingereiht werden. Eine konsequente Scheidung von Volks- und Kunstpoesie ist nämlich nicht möglich; denn daß wir die Verfasser vieler gern gesungener [Jeder nicht kennen, ist ein rein zufälliges und veränderliches Moment (man kennt heute den Namen des Dichters für eine recht große Zahl deutscher „Volkslieder"), und auch inhaltlich gibt es keine feste Grenze; ist Beliebtheit beim Volke maßgebend, so müßten die Psalmen den Reigen unserer Volkslieder eröffnen. Die Sammlung der noch im Munde des Volkes lebenden Lieder, die doch fast ausschließlich in den Ländern des Ostens erfolgen muß, kann nur von Einheimischen besorgt werjden, ist übrigens bereits von der Petersburger Gesellschaft für jüdische Volksmusik durchzuführen begonnen worden. Außer der „Bibiiotheca Judaica", deren Ausgaben übrigens nicht nur einen kritisch hergestellten Text, sondern auf Grund erneuter und vertiefter Durchforschung alles zur Einführung in ein Werk- Notwendige enthalten sollen, ist noch eine größere Reihe anderer körperschaftlicher Arbeiten von grundlegender Bedeutung vorgesehen, auf die näher einzugehen der knappe Raum verbietet, liier sei nur kurz erwähnt: eine umfassende, aus sorgfältiger Kleinarbeit heraus zu entwickelnde hebräische Sprachgeschichte, welche, abgesehen von ihrem kulturgeschichtlichen Werte, wichtige Anhaltspunkte für Zeit- und Milieubestimmung von Werken geben wird; die ganz besonders wichtige Aufarbeitung des unübersehbaren talmudischen Stoffes in sprachlichen Konkordanzen und sachlich geordneten Sammelwerken, welche die talmudischen Studien in Warheit auf neue Grundlagen zu stellen berufen ist; ferner die Ausschöpfung des archivalischen Materials zur Geschichte der Juden in Okzident und Orient. Alle diese Arbeiten, die allerdings langer Zeit und großer Mittel bedürfen, werden einer Neubegründung der Wissenschaft des Judentums die Wege ebnen. Neben der Bereitstellung der großen grundlegenden, nur durch Arbeitsorganisation zu schaffenden Hilfsmittel für die Forschung ist es Aufgabe des Instituts, durch Veröffentlichung methodisch hochstehender Arbeiten die entwickelten Methoden der modernen Wissenschaft in der Wissenschaft des Judentums heimisch zu machen und ihr neue geeignete Kräfte zu werben. lieber die bisher unternommenen Forschungen braucht hier nichts im einzelnen gesagt zu werden; das Erscheinen mehrerer von ihnen steht binnen kurzem bevor. Das Interesse für die Mitarbeit an der Wissenschaft des Judentums wird zunächst eben durch die Veröffentlichungen selbst geweckt werden, aus denen die wissenschaftlich Befähigten unseres Volkes das Lohnende dieses Arbeitsfeldes erkennen sollen; dann aber wird durch die großen Unternehmungen des Forschungsinstituts, welche nur zu einem kleinen Teil von dem notwendig engen Kreise der beamteten Mitarbeiter bestritten werden können und sollen, wie durch die herauszugebenden Zeitschriften die Nachfrage nach wissenschaftlicher Arbeit und damit auch das Angebot bedeutend ges te ige r t werden. Besonders wichtig ist es, unter der ostjüdischen und der palästinischen Jugend Träger einer hochwertigen jüdischen Wissenschaft heranzuziehen. Zu diesem Zwecke sollen möglichst alle Veröffentlichungen des Forschungsinstituts auch hebräisch erscheinen. Diese hebräischen Ausgaben werden gewiß weite Verbreitung finden und der Wissenschaft des Judentums zahlreiche, höchst wertvolle Kräfte zuführen, welche einmal sie neu zu befruchten und zu beleben berufen sein werden. Das Forschungsinstitut wird sich auch nicht hermetisch von der Welt .abschließen, um innerhalb der „vier Ellen des Studiums" zu bleiben, sondern es wird die Verbindung mit dem Publikum aufrecht zu erhalten wissen. Wichtigere Werke der hebräischen Literatur sollen in mustergültigen Uebersetzungcn mit orientierender Einleitung weiteren Kreisen erschlossen werden. Die Ergebnisse der Forschungen des Instituts werden in dem periodisch erscheinenden Korrespondenzblatt in gemeinverständlicher Form dargestellt werden. Freilich s i n cl nicht d i e Fo rs ch u ngs r e s 1111 a t e d as Entscheidende, sondern das Forschen und das Wie des Forschens: die Aufwärtsentwicklung der Wissenschaft des Judentums, welche unentbehrlich ist für eine Regeneration des jüdischen Geistes überhaupt Das Forschungsinstitut hat sich bisher nur mit Plänen und Programmen an die Oeffen tlichkeit wenden können. Nach einer außerordentlich kurz bemessenen Vorbereitungszeit wird es demnächst seine ersten wissenschaftlichen Veröffentlichungen für seine Ziele und Wege sprechen lassen.