Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
- Article
- Jacob H. Schiff
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 270 - 271 (sequence 2)
- Language
- German
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270 Jacob H. Schiff 271 für seine Geistesart ist, daß er von seinen Einkünften regelmäßig den Zehnten des »Maasser des Armen" pflichtgemäß, nach alter, von vielen bis auf den heutigen Tag geübter Sitte, abgab und'' diese Abgabe überhaupt nicht als Wohltätigkeit — Zedaka — betrachtet wessen wollte, da sie eine Art Pflichtsteuer darstellte; erst darüber hinaus begann für ihn die eigentliche Zedakah. Ein Amerikaner, der die Verhältnisse kennt, will wissen, daß Jacob H. Schiff, der angeblich 50 Millionen Dollar hinterläßt, ebensoviel zu Wohltätigkeitszwecken ausgegeben habe. In Wirklichkeit entzieht sich jedoch das Ausmaß seiner Spenden jeder Berechnung eines Fernstehenden, denn das meiste gab er im verborgenen, so daß der oder die Empfangenden den Namen des Spenders nie erfuhren. Aber, wie gesagt, Kern und Hauptsache an seiner öffentlichen Wirksamkeit war das, was er an persönlicher Arbeit leistete. Er war ein Anhänger des Gedankens, daß dem Elend der osteuropäischen Juden nur durch Massenauswanderung abgeholfen werden könne, und zwar müsse die Emigration hauptsächlich nach Amerika und Kanada gelenkt werden, die Raum genug für einige Millionen Juden bieten. Er bekämpfte daher mit großer Energie alle Pläne zur Verhinderung oder Einschränkung der Einwanderung nach Amerika. In letzter Zeit erblickte er auch in Palästina ein Ein Wanderungsgebiet, das Fassungsraum für zahlreiche jüdische Massen bietet. Er beteiligte sich daher eifrig mit Rat und Tat, als 'Schriftsteller und als Organisator, mit seinen .materiellen und mit seinen geistigen Mitteln an dem" Aufbau des jüdischen Palästina. Er, einer der mächtigsten Finanzmänner der Welt, dessen Einfluß und Ansehen in seinen neuen Heimat sich auf die unermeßlichen Dienste gründete, die er dern Wirtschaftsleben des Landes geleistet, in ruhigen und in stürmischen Tagen, er hätte der Palästina- Arbeit unschätzbare Dienste leisten können. Wie in seiner ganzen öffentlichen Tätigkeit, so war er auch in diesem Punkte von jenem edlen Demokratismus geleitet, der das Merkmal echten Geistesadels bildet und darauf beruht, daß der zur Führung Berufene das Mandat hierzu herleitet aus der tiefsten seelischen UebereinstinTmung mit dem Besten, das in der Seele des Volkes lebt. Jacob H. Schiff, der Dreiundsiebzigjährige, ist mindestens um ein Jahrzehnt zu früh gestorben. Gerade in der jetzigen Zeit, angesichts der furchtbar schwierigen Aufgaben, die unser harren, wird man noch lange, auf Schritt und Tritt, seinen klaren Kopf, sein großes Herz, seine gütige, starke Hand vermissen