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Ost und West · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1920) · p. Seite 268 - 269

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
Article
Jacob H. Schiff
Date
1920-09-01
Page
Seite 268 - 269 (sequence 1)
Language
German
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268 Jacob H. Schiff 269 JACOB H. SCHIFF Von Binjamin Segel Die Kunde vom Hinscheiden Jacob HL Schiffs wird in der ganzen Judenheit eine Trauer erwecken, wie sie seit dem Tode Moses Montefiores nicht empfunden worden ist Jacob H. Schiff hatte sich nicht bloß die Dankbarkeit der Gesamtheit seiner Glaubensgenossen auf dem weiten Erdenrund erworben, sondern auch ihre Liebe. Sein Verhältnis zu den Juden war nicht das eines Grandseigneurs, der sich herabläßt, um Schutzpatron zu sein, sondern das eines Bruders. Und er hatte nicht nur ein jüdisches Herz, sondern zugleich einen jüdischen Kopf, die er alle beide in den Dienst der Judenheit stellte. Er übte seine grandiose Wohltätigkeit als soziale Pflicht im Dienste der Öffentlichkeit, und eine Pflicht will nicht nur gefühlsmäßig erfüllt werden, sondern nach zielbewußt angelegtem Plan, mit Besonnenheit und Ueberlegung, mit Methode und Wissenschaft. Das Wohltun sollie nicht nur ihm Lustgefühle verschaffen und die Befriedigung gewähren, über einen gewaltigen Teil der Mittel dieser Welt zu herrschen und mit ihnen große Summen menschlicher Lustgefühle wecken zu können, sondern es sohle in seiner Hand wirklich Gutes wirken, dauernde Früchte tragen, die Lage der Elenden verbessern und ihnen Hilfe und Ansporn sein, sich mit eigener Kraft emporzuarbeiten. In dieser Beziehung erinnert er an den Baron Moritz von Hirsch, der in außergewöhnlich großzügiger Weise, nach wohlüberlegtem Plan, mit erstaunlichem Weitblick und großer Organisationskraft Institutionen schuf, die in der Zeit fortwirken und deren Tragweite unübersehbar ist. Aber die Art, wie Jacob H. Schiff, seine Wohltätigkeit übte, war das für ihn Kennzeichnende, das ihn mit Moses Montefiore vereinte. Er thronte nicht in den Höhen, weit erhaben über den Massen, sandte nicht seine Boten zu ihnen hinab, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen und ihnen durch seine Mittler Hilfe zu spenden, sondern er wandelte unter ihnen mit scharfen Augen und warmem' Herzen. Jacob H. Schiff war wirtschaftlich ein Selfmademan, er war nämlich mit 18 Jahren als Sohn eines kleinen Frankfurter Kaufmanns nach Amerika gekommen, wo sein Aufstieg begann. Aber persönlich entstammte er einem der ältesten und edelsten Geschlechter der Judenheit, der seit mehreren Jahrhunderten in Frankfurt a. M. ansässigen Familie Schiff, die sich von dort aus bis nach Polen und Italien verbreitete, und deren Mitglieder seit dem 14. Jahrhundert führende Stellungen einnahmen und große Verantwortlichkeiten im Dienste der Allgemeinheit trugen*). Er fühlte dieses alte Blut in seinen Adern rollen, und der Geist seiner Ahnen war in ihm lebendig. Das bestimmte seine Lebensführung. Man darf sicher sein, daß er, auch wenn er in Europa gelebt hätte, dem Barontitel, von dem nur wenige erfolgreiche jüdische Finanzmänner im 19. Jahrhundert verschont geblieben sind, entgangen wäre. Solcher Talmi-Adel, der aus Papier besteht, paßt schlecht zum echten urwüchsigen Adel, der organisch im Verlaufe der Jahrhunderte aus einem lebendigen Volkstum emporwächst, den sämtliche Monarchen der Welt ohnmächtig sind, zu verleihen oder abzusprechen. Von solchem Adel war Jacob H. Schiff. Aus diesem Grundgefühl heraus war seine Haltung seinen Glaubensgenossen gegenüber zu begreifen. Er begnügte sich nicht damit, Geld zu geben, er gab sich selber. Auf großen Volksversammlungen trat er als wirkungsvoller Redner auf, nahm persönlich Anteil an Beratungen und Enqueten, beteiligte sich an Polemiken, ließ sich nie und nirgends vertreten". Eine tief religiöse Natur, jedoch ohne Spur von Engherzigkeit und Unduldsamkeit, führte er persönlich ein konservatives Leben, « stand aber dabei den anderen Richtungen im Judentum voller Verständnis und Nachsicht gegenüber. Er war Mitglied des Verwaltungsrates der liberalen Hochschule für jüdische Theologie, berief aber Salomon Schechter nach Amerika an die Spitze des konservatien Jewish Theological Seniiuary of America, zu dessen Hauptgründern er gehörte und dessen Bibliothek er mit großartiger' Freigebigkeit ausstattete. Eine ganze Universität hat er dem Staate New York gegründet, an der Harvard University einen Lehrstuhl für Germanistik, an der Stadtbibliothek von New York errichtete er eine Abteilung für Judaica und Hebraica. Er stiftete den Fonds von 50000 Dollar für die amerikanische Bibelübersetzung, die ein weithin ragendes Denkmal auf Jahrhunderte hinaus geworden ist, und einen anderen . Fonds von gleichem Betrag für englische Uebersetzungen aus der jüdisch-deutschen Volksliteratur. Mit gleicher Großherzigkeit "beschenkte er die wissenschaftlichen Institutionen seiner Vaterstadt Frankfurt a. M., Universität, Senckenbergische naturforschende Gesellschaft, Stadtbibliothek. Es ist überflüssig, zu erwähnen, daß er rein philanthropische Anstalten, Waisenhäuser, Hospitäler u. dgl. reichlich fundierte und beschenkte. Bezeichnend *) Vergleiche den Stammbaum dieser Familie in der Studie über deren berühmtestes Mitglied, den „Maharam Schiff, „Ost und West" 1910, Heft 12.

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