Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
- Article
- Rudolf Mosse
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 242 - 243 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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242 Rudolf Mosse 243 RUDOLF MOSSE Das war eine der markantesten, imponierendsteil und sympathischsten Gestalten des modernen Deutschlands. Von den Wesenszügen der wilhelminischen Epoche fehlte ihm alles, was das Gesamtbild des „Untertans" ausmachte, wie ihn Mann mit schonungslosem Pinsel gezeichnet hat. Er war ein Selfmademan fast im amerikanischen Sinne, doch eingetaucht in europäische, deutsche Hochkultur. Aus sehr bescheidenen Anfängen hatte er sich emporgearbeitet, und wie sein Aufstieg eine Begleiterscheinung des Aufschwunges und Wachstums des Deutschen Reiches war, so zog er mit sich einen ganzen, von ihm fast erst geschaffenen Geschäftszweig in die Höhe, und ernährte zahlreiche Existenzen. Er war ein Kaufmann und Organisator größten Stiles,und ein glückliches Geschick gewährte ihm, daß seine Erfolge nicht auf der Ausbeutung ganzer Legionen von geschundenen Proletariern sich aulbaute, noch brauchte er unnütze oder gar schädliche Objekte zu erzeugen, wie Mord- und Kriegswerkzeug, oder Gegenstände, die nur der Befriedigung der Eitelkeit und des falsclfen Schönheitsbedürfnisses dienen. Seine Arbeit förderte, wie nur die irgend eines nützlichen Bürgers, das Gemeinwohl. Man braucht die politische Richtung, der er huldigte und die von den in seinem Verlag erscheinenden Blättern vertreten wurde, nicht zu teilen, nicht einmal zu billigen, um einzugestehen, daß sogar eine unrichtige politische Überzeugung besser ist, als gar keine, daß Blätter, die eine ausgesprochene Richtung mit Konsequenz und Nachdruck vertreten, auch wenn sie irregehen, ihrer Nation immerhin einen besseren Dienst erweisen, als diejenigen „unparteiischen", deren einzige Überzeugung die Überzeugungslosigkeit ist, die unter der Maske der Unparteilichkeit den politischen Stumpfsinn propagieren, die Leser zur Urteilslosigkeit erziehen, die aufrechten Charaktere brechen, und das Volk zur Herde degradieren. Rudolf Mosse war als ZeitungsVerleger das Gegenteil von dem, was man unter einem Schöpfer der sog. „Generalanzeigerpresse" versteht. Er scnielte nie seitwärts, buhlte nicht um die Gunst der Mächtigen, noch um die Gunst der Menge, sein Streben ging nicht dahin, einen Orden, oder gar den Adelstitel zu ergattern, darum hatte ers nicht nötig, seinen Redakteuren zu kommandieren, daß sie jeden Mann, der jeweils am Staatsruder stand, als den Inbegriff der höchsten politischen Rudolf Mosse Weisheit preisen, geradeso wie seinen Vorgänger einst und seinen Nachfolger, auch wenn sie entgegengesetzte Wege wandelten; er hatte es nicht nötig, Prozesse und sonstige Ereignisse, wenn sie der jeweils herrschenden politischen Macht unangenehm waren, zu unterschlagen und zu bemänteln, um nur ein freundliches Schmeichelwort von „hoher" Stelle einzuheimsen. Darum behandelte er die in seiner Hand befindliche Presse nie so, daß die kleinen und großen Anzeigen neben dem Alttagsklatsch die Hauptsache war und der Text nur ein nebensächliches Anhängsel dazu. — Seit vierzig Jahren war Rudolf Mosse die beliebteste Zielscheibe des Antisemitismus. Das war nur allzu ver* ständlich und, offen gesagt, hur zu berechtigt. Jawohl: berechtigt! Denkt ihr etwa, der Antisemitismus richtet sich gegen das, was faul und verkommen ist unter uns Juden, gegen das, was unter uns intellektuell minderwertig und sittlich verwerflich ist? Da kennt ihr Antisemitismus und Antisemiten schlecht! Wären wir Juden sämtlich unfähig und untüchtig, es gäbe keinen Antisemitismus. Wären die Fähigen und Tüchtigen unter uns sämtlich nichtswürdig, verlogen, habgierig, gemein, kleinlich, es gäbe keinenAntisemitismus.Man würde befriedigt sagen: seht euch diese armselige, verkommene Rasse an. "Der Fluch des Himmels lastet auf ihr. Sie ist aller Gaben beraubt, die die Stämme von edlem Blute befähigen, an der Zivilisation und der Kultur der Welt mitzubauen und ihre Schätze mitzubesitzen. Findet sich schon einer, der einen Schimmer dieser Gaben besitzt, so ist er ein Lump. Armes Volk! Man kann diese Menschen nur bedauern, man kann nur mitleidige Verachtung für sie empfinden. ... Es ist so wohlig, jemanden, der anderer Rasse und anderer Religion ist, verachten zu dürfen! Aber da erstehen Juden, die eine große schöpferische und organisatorische Kraft entwickeln, und sie fassen kräftig mit an, wo es gilt, neue Bahnen zu weisen, neue Werte zu schaffen, sie entfalten eine reichhaltige Tätigkeit und ernten die blühenden Früchte ihrer Arbeit mit einer Selbstverständlichkeit, als wären sie die reinsten Germanen von der Welt. Wenn man näher zusieht, muß man ihnen Bewunderung zollen, sogar Respekt vor ihnen haben, denn ihre Kraft ist echt und groß. Wenn man sich wenigstens dafür schadlos halten durfte, indem man den Auswirkungen ihrer Kraft einen moralischen Makel