Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
- Article
- Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 222 - 223 (sequence 2)
- Language
- German
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222 Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben 223 swenn sie auch, dem Zwange der Umstände gehorchend, zunächst theologischen Zwecken dienten, so sind sie im besten Sinne wissenschaftliche Institute gewesen und geblieben, und sind mustergebend geworden für alle zehn oder zwölt verwandte Anstalten in Europa und Amerika. Und so wie die deutsche Judenheit bisher auf diesem Gebiete voranschritt, so nimmt sie durch die Gründung der Akademie nur eine mehr als hundertjährige Tradition auf, um sie weiterzuspinnen, und wird auch diesmal der Judenheit anderer Länder mit dem Beispiel voranieuchten. Es liegt das erste Heft des Korrespondenzblattes vor, in dem der ,,Verein zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums" von seiner bisherigen Tätigkeit Rechenschaft ablegt. In dem Hefte sind auch kleine, aber äußerst wertvolle wissenschaftliche Beiträge enthalten. "Zunächst erfahren wir Wichtiges über Organ isafion und Arbeitsplan. Ein Forschungsinstitut soll geschaffen werden „mit einem Stab beamteter Mitarbeiter, an den sich außenstehende Mitarbeiter in loser Form anschließen können; das Forschungsinstitut soll das Arbeitsorgan der Akademie werden und zugleich der Schöpfer und Bewahrer ihrer wissenschaftlichen Traditionen/' Es mag darauf hingewiesen werden, daß das Bedürfnis nach einem Forschungsinstitut für de Wissenschaft des Judentums in dieser Zeitschrift, Jahrg. 1916, Heft 12, mit großem Nachdruck hervorgehoben worden ist. Um so mehr darf betont werden, daß ein Forschungsinstitut al.e.'n durchaus nicht genügt. Eine jüdische Akademie hat .wesentlich andere Funktionen zu erfüllen, als etwa die preußische, die Wiener oder die bayerische Akademie der .Wissenschaften, die es sich leisten dürfen, ganz exklusive, lediglich der 'Beschaffung und ersten Bearbeitung wissenschaftlichen Rohstoffes gewidmete Körperschaften zu sein, weil Staat und Gesellschaft tausend Organe besitzen, die diesen Rohstoff zu brauchbaren Fertigfabrikaten bearbeiten und dem Publikum darreichen. Eine jüdische Akademie muß sich die Akademien kleinerer Völkerschaften zum Muster nehmen, die sich immer noch >in einer tausendmal günstigeren Lage als wir Juden befinden, z. B. die südslawische Akademie in Agram, die tschechische in Prag, die rumänische in Bukarest, die ruthenische (ukrainische) Schewtschenko-Gesellschaft der Wissenschaften in Lemberg oder gar die Krakauer Akademie der Wissenschaften, die einen sehr hohen Rang einnimmt. Alle diese Körperschaften stehen in einem sehr intimen Kontakt mit dem Publikum und haben Organe geschaffen, die eitrig und mit großem Erfolg bemüht sind, die Ergebnisse der exakten Untersuchungen ihrer Forschungsinstitute in . die weitesten Kreise des Intellektuellen zu tragen. Dadurch wecken und führen sie das geistige Leben ihrer Nation und verfallen nicht einer formelhaften Erstarrung und einer , abstrakten weitabgewandten Denkweise. In einem noch höheren Maße hat eine jüdische Akademie die Aufgabe, Weckerin und Lenkerin des geistigen Lebens der jüdischen Gemeinschaft zu sein. Die Köche dürfen nach Lessings Wort "die Suppe nicht allein für die Köche bereiten, sondern für das Volk im breitesten und im besten Sinne des Wortes. Nur wenn sie in einem Nährböden wurzelt, der sie mit seinen besten Säften speist, kann die Akademie gedeihen; diesen Nährboden muß sie aber ihrerseits immerwährend betauen, düngen und befruchten. Man kann es daher durchaus nicht foben, wenn es in dem Programme heißt: „Leistungen, die den Vorzug haben, daß sich in ihnen die wissenschaftliche Persönlichkeit nicht nur in der Klarstellung des Objektes, sondern in ihren Anschauungen offenbart, kann die Akademie nicht mit ihrem Namen decken." Das heißt mit anderen Worten: Männer, die Anschauungen haben über die Objekte ihrer Forschung, können wir nicht brauchen; wir verlangen, daß der Forscher in keinem inneren .Verhältnis zu den Dingen stehe, sondern sie streng objektiv „klarstelle." Abgesehen davon, daß dies unmöglich ist, daß sogar in der Erforschung der toten Natur oder der entlegensten Völkerschaften der Forscher bei der strengsten „Klarstellung des Objektes" immer etwas von seinem Subjekt m diese Klarstellung hineintragen und häufig schon durch die Auswahl und Anordnung des Stoffes ihr den Stempel seiner Persönlichkeit aufdrücken wird — kann sich eine jüdische Akademie den Luxus gar nicht leisten, ausschließlich Sammlungen von wissenschaftlichen Materialen anzuhäufen, nur Kärrnerarbeit zu leisten und die Aufführung der Bauwerke nach wohldurchdachten Anschauungen und Plänen anderen zu überlassen, oder auch nur der Mitwirkung hierbei sich zu entziehen. Es besteht keine Gefahr, daß die Akademie die subjektiven einseitigen Anschauungen eines einzelnen in dem Maße „mit ihrem Namen deckt", daß sie zum Dogma erstarren. In unserem respektlosen Zeitalter sind akademische Persönlichkeiten und Schriften noch mehr der Kritik ausgesetzt, als solche, die ohne diesen deckenden Schild auf den Markt hinaustreten. (Man denke x an Daudets L'Immortel). In den großen geschichtlichen Fragen ist übrigen nur äußerst selten eine Anschauung möglich, es können oft die entgegengesetztesten Auffassungen, jede mit einem sehr hohen Grad von Berechtigung, nebeneinander bestehen. Haben wir nicht alle geglaubt, daß Mommsen in der Römischen Geschichte das letzte Wort gesprochen hätte? Nun kommt ein Mann wie, Eduard Meyer und verficht betreffs einiger der wichtigsten Probleme ganz andere Ansichten. Unsere Akademie müßte bei ihren Mitarbeitern und Autoren die Bildung von umfassenden Urteilen und abschließenden Anschauungen, soweit dies der jeweils gegebene