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Ost und West · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1920) · p. Seite 210 - 211

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1920)
Article
Die Judenheit in Amerika
Date
1920-07-01
Page
Seite 210 - 211 (sequence 2)
Language
German
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210 Die Judenheit in Amerika 211 anstaltet. Der Generalprofoß gibt telegraphisch die Order an die Regierungen aller Staaten bekannt, und zwei Tage später erscheint eine diesbezügliche Erklärung im United States Official Bulletin (vom 6. März 1918.) < . Das American Jewish Committee unterhält ein statistisches Bureau unter der Direktion des Dr. Samson D. Oppenheim, welches im letzten Jahr sich, besonders; mit der Kriegs- Statistik der Juden befaßte. Auf der Tagung des Komitees vom 10. November 1918 wurde die Lage der Juden in Osteuropa sehr eingehend behandelt. Soweit aus dem Bericht zu ersehen, ist man leider in Amerika über die wahren Verhältnisse und Bedürfnisse der Juden äußerst mangelbaft unterrichtet, die Vorstellungen von den Ursachen der jetzigen Zustände und Vorgänge, ebenso wie über die Gestaltung der nächsten Zukunft, sind durchaus irrtümlich, es sind keine gründlichen Untersuchungen angestellt und darum keine Grundlagen für die Herausbildung einer objektiven und sachlichen Anschauunggewonnen worden. Da die amerikanischen Juden zur Besserung der Lage ihrer osteuropäischen Brüder viel beitragen könnten, so wäre dringend zu wünschen, daß ihre führenden Persönlichkeiten dieser Angelegenheit ein ernsteres Studium widmen. Sonst werden alle ihre bestgemeinten Aktionen unweigerlich; fehlschlagen und nur das Gegenteil von dem bewirken, was beabsichtigt wird. Das im November 1914 gebildete J o i n t D i - stribution Committee hat bis zum 30. Juni 1919 an die Juden der vom Kriege heimgesuchten Länder insgesamt 22 032 473 Dollar Unterstützungen gesandt'; davon entfielen auf Galizien mit seiner Million Juden 753 600 Dollar, dazu ist allerdings noch der weitaus größte Teil der nach Oesterreich gesandten 793 000 Dollar zu rechnen, die meist für die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina verwendet wurden. Auf die ungefähr 90 000 Juden in Palästina dagegen entfielen 2 613 485 Dollar. Im purchschnitt wurde also jeder palästinensische Jude viern bis fünfmal besser bedacht als jeder galizische. Der Pogrom in Lemberg, vom 22. November 1918, welcher sofort nach dem Zerfall der Habsburger Monarchie infolge? der Erklärung des Präsidenten Wilson abgehalten wurde, verursachte allein einen Materialschaden von nahezu 103 Millionen Kronen, ungefähr 20 Millionen Dollar nach normalem Kurs, beinahe so viel, wie die ganze in Amerika zugunsten der jüdischen Kriegsnotleidenden aller Länder gesammelten Summe. * * * EIGENARTIGKEIT DER AMERIKANISCHEN GEMEINDEN. Um das Wesen der lokalen jüdischen Organisationen zu verstehen, muß man sich vor Augen halten, daß in Amerika der gesetzliche Zwang für den Bürger, der organisierten Gemeinde derjenigen Religion, zu der er.sich bekennt, anzugehören, solange er seinen Austritt nicht behördlich angemeldet hat, nicht besteht. Die jüdischen Religionsgemeinschäften (congregations) sind nicht öffentlich-rechtliche Korporationen, die Staatsbehörden sind ihnen nicht behilflich beim Eintreiben der Steuern. Die Zugehörigkeit und die Steuerentrichtung ist vollkommen freiwilli g.2) Und dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, sind die jüdischen lokalen Organisationen in Amerika förmlich unzählig. Die kleinste Ortschaft, wo nur 10 jüdische Seelen wohnen, hat mindestens eine jüdische Lokalorganisation, das ist die Congreg a t i o n. Linden in New Yersey mit seinen 11 jüdischen Einwohnern hat eine Congregation (Agudath Achim), ebenso West Point (Missouri) mit 14 (Emanuel) und Woodville mit 12 jüdischen Einwohnern (Beth Jsrael). Wenn man bedenkt, daß z. B. Evansville (Indiana) mit 1500 jüdischen Einwohnern 9 jüdische Organisationen, darunter 3 Congregations, zählt, oder daß Elizabeth (New Yersey) mit 5000 jüdischen Einwohnern ihrer 19, darunter 4 Congregations, hat, so wird man sich nicht wundern, daß New York ihrer nicht weniger als 3637 zählt, darunter 858 Congregations und 69 Schulvereine; die Congregations unterhalten 1127 Synagogen, von welchen 784 ständige und 343 zeitweilige sind; 237 Synagogen besitzen eigene Gebäude, 547 sind in Mietslokalen untergebracht. Die *) Vergleiche den Artikel Trennimg von Staat und Kirche von B. Saphra „Ost und West* 1919, Heft 2—3. Zahl der Sitze in den ständigen Synagogen beträgt 217 725, in den zeitweiligen 163 638, zusammen also 381 363. Von den ständigen Synagogen haben 723 das Hebräische als ausschließliche Gebetsprache, in 36 wird daneben auch das Englische gebraucht. In 617 ständigen 'Synagogen fungiert das Jüdische (Yiddisch) als Sprache der Predigt und der Ankündigungen, das Englische in 79 ständigen Synagogen. Die Gesamtmitgliedschaft der ständigen Synagogen beträgt 79 480. — In New York jgibt? es überdies 101 Bildungs- und Geselligkei tsver eine; Hilfsvereine auf Gegenseitigkeit, und sonstige wirtschaftliche Verbindungen 2168, Wohltätigkeits- und Besserungsvereine 164 sowie 277 Vereine anderer Natur-. — Die meisten Synagogen haben eine Schule, in der in den jüdischen Gegenständen Religion, Bibel, Hebräisch unterrichtet wird; die Unterrichtssprache ist, wenigstens auf den höheren Stufen, durchweg Englisch. Der Unterricht wird meist am Sabbat und Sonntag, bisweilen aber auch täglich, erteilt. Besonders in den kleinen und kleinsten Gemeinden bildet die jüdische Religionsschule einen wichtigen Gegenstand der Fürsorgie. Es gibt wohl keine noch so kleine Gemeinde, die nicht eine Schule hätte. Goshen (Indiana) mit seinen 78 jüdischen Einwohnern hat eine Schule mit einem Lehrer, 7 Schülern, einmal wöchentlichem Unterricht. Hammond (Indiana) «ait 600 jüdischen Einwohnern hat eine Schule mit 3 Lehrern und 115 Schülern, der Unterricht wird fünfmal wöchentlich abgehalten. (Daß die jüdischen Kinder sämtlich die allgemeinen Schulen besuchen, ist selbstverständlich.) Außerhalb New Yorks zählte man in den Vereinigten Staaten 1843 Congregations, von denen jede wenigstens eine Synagoge unterhält; zu-

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