Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1920)
- Article
- Das jüdische Chaos ("Tohuwabohu")
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 198 - 199 (sequence 2)
- Language
- German
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198 Aus dem alten jüdischen Rom 199 aus falsch gedeuteten Erinnerungen — jedes Stadium ist in seinem typischen Vertreter vorhanden, handelnd nach seinem Karatgehalt an Judentum. Die Legierungen fehlen nicht aus Weltbürgertum, Nationalismus, Deutschtum, Sozialismus, Imperialismus und mosaischer Konfession (plus obligater Mission). Sie alle mit Deutschtum ersatz parfümiert — duften nach Verwesung. Sie wissend nicht. Aber im Ekel zucken die Glieder der Gegenspieler, wenn diese Dunstwolke gegen sie schlägt: Deutsche, die es nicht erst zu werden brauchen; Juden, die nicht aufhören können oder wollen, es stolz zu sein. Die Natürlichgewachsenen und Starken. Die Träumer der Ghettos, die einzig Wachen, die nicht auf fremdem Anger nachtwandeln. Die Psychologie des neuen Juden entlädt sich in Reden voll seltsamer Kraft. Und leichte ironische Lichter spielen um die Ueberstiegenheiten. Aus ihrer Bestimmtheit heraus formt sich Wort und Tat bei allen Typen. Fratzig, wenn der Typus bis zur Fratze karikiert ist, wie etwa der antisemitischer Redakteure; Blaublütiger, die innen neu aufgepumpt, außen auf neu lackiert werden müssen. Stilisiert, wenn der Typus (wie der der alten Ostjuden) nur schematischer Umriß ist. Nicht der Zufall schiebt sie vorwärts. Sondern ihr Gesetz. Nur so kann der russische Gouverneur handeln, der einen Pogrom zu machen hat. Nur so kann die nervöse Haltlosigkeit des getauften jüdischen Rechtsanwaltes zappeln, der vor einem kühlironischen, kerndeutschen Vorsitzenden den Eßrogimprozeß zu führen hat. In dem Wirbeltanz des Tohu haben sie alle ihre Stelle. Sie bewegen sich nicht, sie werden bewegt, geschoben, gestellt; dorthin, wo es kein Verbergen gibt, wo sie gezwungen sind, sich erkennen zu geben. Wie der Typus nur Ableitung ist, so ist sein Wort und seine Tat Konstruktion. Nur die vollendete Meisterschaft, perspektivische Schau, Distanzgefühl und die Ueberlegenheit des Wissenden konnten einen Grundriß entwerfen, so folgerecht, daß selbst die überreichen Arabesken der Fassade organisch im Gefüge des Ganzen bleiben. Und was für Arabesken! Von diesem klugenBuch kommt keiner los,der es nur aufblättert. Ein Sprühfeuer von Witz, Spott und überlegenem Geist empfängt uns und jähe Lichter erhellen — schmerzhaft grell! — die dunkle Seele eines durcheinandergewirbelten Volkes, über das nur lächeln kann, wer es aufrichtig beweint. Kunstwerk? Gronemanns Tohuwabohu ist ein Dokument; ein Querschnitt durch die neujüdische Kulturgeschichte, durch den die Schichtungsbedingungen und Lagerungsverhältnisse nach einer katastrophalen seelischen Revolution sichtbar werden. Spätere Historiker werden dieses scheinbar so heitere Buch würdigen. Ob sie alle Pointen, Anspielungen, Beziehungen auch verstehen werden? Der Zeitgenosse sollte sich seine -nähere Einstellung zunutze machen* Er wird das Buch verstehen und seine Stunden mit Köstlichkeiten füllen. AUS DEM ALTEN J Von Simon Die jüdische Ansiedlung von Rom, die seit ihrer Begründung bis auf den heutigen Tag niemals eine völlige Unterbrechung erfahren hat, zählt zu den ältesten in Europa. Ihren Anfängen läßt sich urkundlich bis zur ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts nachgehen, lieber Griechenland und Makedonien, wo Juden sich schon viel früher niedergelassen haben müssen, zogen jüdische Kaufleute und Handwerker auch nach den Städten Italiens, und vornehmlich nach Rom, der damaligen Metropole des Abendlandes, wo Vertreter verschiedener Völkerschaften zusammenströmten. Die Ursache dieser Wanderung war für die Juden hauptsächlich die wirtschaftliche Enge in der palästinischen Heimat, denn das jüdische Volk hatte im Laufe der Jahrhunderte eine starke Zunahme erfahren, so daß es im Lande der Väter keinen genügenden Raum mehr fand. In der jüdischen Geschichte wird Rom mit voller Deutlichkeit zuerst während der hasmonäischen Erhebung erwähnt. Juda Makkabi schickte, kurz vor seinem Heldentod, im Jahre 161 v. Chr. eine Gesandtschaft nach Rom, um mit der Republik JEDISCHEN ROM. Bern fei d. ein Schutz- und Trutzbündnis gegen Syrien zu schließen (I. Makk. 8, 17—32). Mehr als fünfzehn Jahre später (zwischen 145 und 143) ging eine zweite jüdische Gesandtschaft nach Rom, um die politischen Beziehungen mit diesem Staat zu erneuern, und auch Simon ordnete eine solche Gesandtschaft zu demselben Zweck nach Rom ab (140/39 v. Chr.). Bei dieser Gelegenheit sollen sich auch Juden an der Tiber eingefunden haben, die in der Heidenwelt Propaganda für das Judentum zu machen versuchten. Es scheint, daß sie dabei Erfolge erzielten, denn der römische Prätor mußte gegen diese unbequem gewordenen Gäste zum drastischen Mittel der Ausweisung greifen (Schürer, Gesch. d. jüd. Volkes III, S. 58). Dies waren die ersten Anfänge der jüdischen Gemeinde in Rom, wobei wir nicht wissen, wieweit sie schon damals zu einer dauernden Ansjedlung geführt haben. Jedenfalls nahm im Laufe der Jahre die Zahl der Juden in dieser abendländischen Welthauptstadt immer mehr zu; um das Jahr 85 vor Chr. berichtet Strabo, daß sich Juden in allen italienischen Städten befanden, unzweifelhaft